Japan-Tagebuch 16.12.2018

16.12.2018

Es ist viel und zugleich nichts passiert. Jetzt sind es bald nur noch acht Monate. Ich bin immer noch froh, wenn meine Zeit hier endlich vorbei ist. Doch ich besitze genügend Weitsicht, um zu erkennen, dass meine Zeit hier in Japan eine sein wird, auf die ich in Zukunft gerne zurückblicken werde, auch wenn ich mir das heute nur schwer vorstellen kann. Vielleicht liege ich aber auch falsch und lerne wieder etwas Neues dazu.

Über die eigene Zukunft Spekulationen anzustellen, ist, wie zu versuchen, sich an einen vergessenen Traum zu erinnern. Letztlich spekuliert man über die eigenen Gedanken, deren Ursprung man selbst ist.

Zurzeit habe ich das Gefühl, jeden Monat eine neue Person zu sein. Mit der lieben Airi aus Kōbe ist es aus. Ich habe sie letztes Wochenende ein drittes und letztes Mal besucht. Alles war wie gehabt. Nur diesmal haben wir ein wenig über frühere Beziehungen geredet. Im letzten Jahr gab es zwei Männer, die nur Sex von ihr wollten. Sie hat sich gefragt, was so falsch an ihrer Persönlichkeit ist, dass niemand sich auch aus anderen Gründen mit ihr treffen will. Das hat mich in Verlegenheit gebracht, denn zu meiner eigenen Überraschung habe ich mich ertappt gefühlt.

Ich hatte nicht die Absicht sie herumzukriegen, nur um sie dann zu verlassen, und trotzdem fühlte ich mich ertappt. Hatte ich mir selbst etwas vorgespielt? Ich habe versucht, mich in sie hineinzuversetzen und stellte mir vor, wie es wohl wäre, wenn Frauen meine Nähe suchen würden, nur um Sex mit mir zu haben. Das ist ein Gedanken, der wohl den meisten Männern traumhaft erscheint. Ich kann mir aber auch vorstellen, wie ich spätestens nach ein paar Liebeleien ebenfalls Zweifel an meiner Person entwickeln würde. "Bin ich denn nicht für mehr als nur Sex zu gebrauchen?" Ein Gedanke, der so vielleicht schon einigen Frauen gekommen ist, mir aber bis jetzt völlig absurd erschien. Eine erneute Mahnung an meine Gedankenwelt, nicht zu hoch von mir selbst zu denken. Ich befürchte, es gibt noch vieles, das ich zu lernen und zu verstehen habe.

Danach kamen wir kurz auf meine Ex-Freundin zu sprechen, meine liebe Nina, von der ich weiß, dass sie das Beste ist, was mir je passiert ist. Anscheinend verstehe ich aber nicht, was ich da sage, sonst wäre es nicht so weit gekommen.

Nach unserem Gespräch haben sich unsere Küsse angefühlt wie Lügen. Es war, als ob Ninas Name in Airis Mund einen Schleier lichtete, der mir zuvor die Sinne benebelte und wie ein böser Zauberspruch über mir lag. Ich will ein ehrlicher Mensch sein, das ist mir wichtig und darum bin ich stets bemüht.


Als ich am nächsten Tag wieder daheim war, habe ich einen Video-Anruf von meinem Vater bekommen, der sich in der Gesellschaft meiner restlichen Familie befand (Mutter, Nina, Bruder, Katze und Hund). Es war schön, alle wiederzusehen. Doch zugleich war es eine Belastung. Nach dem Video-Anruf habe ich sofort ein paar Tränen verdrückt. Meine liebe Nina habe ich nur kurz im Hintergrund gesehen, doch das hat ausgereicht. Die folgenden Tage beschäftigten sich meine Gedanken nur mit ihr. Als Hintergrundinformation ist anzumerken, dass meine Freundin mit mir zusammen bei meiner Mutter gewohnt hat. Als ich nach Japan ging, zog sie in mein Zimmer ein und als es mit uns in die Brüche ging, blieb sie mangels Alternativen zunächst gezwungenermaßen dort. Meine Mutter und meine Ex verstehen sich meines Wissens nach wie vor gut. „Sie gehört zur Familie.“, wie meine Mutter zu sagen pflegt.


Die folgenden Tage musste ich viel an Nina denken und als mich Airi aus Kōbe fragte, ob ich mit ihr zum deutschen Weihnachtsmarkt in Osaka gehen will, war für mich klar, dass ich nicht länger mit ihr zusammen sein kann. Vor zwei Jahren hatten Nina und ich unser erstes Date auf dem Weihnachtsmarkt in Frankfurt. Ein denkwürdiger Tag, dessen Erinnerung ich in Ehren halten und nicht mit Gedanken an andere Mädchen vermischen möchte. Ich habe Airi geschrieben, erst auf Japanisch, dann auf Englisch, weil ich mir nicht sicher war, ob alles verständlich ist. Sie hat es professionell aufgenommen, mir Glück gewünscht und sich verabschiedet.


Ich bin froh, dass ich es beendet habe, bevor ich zu großen Schaden angerichtet hätte. Auch wenn ich jetzt wieder ein wenig mehr alleine bin als zuvor, bereue ich diese Entscheidung nicht. Andere Entscheidungen hingegen bereue ich dafür umso mehr. Wenn ich Nina an jemand anderen verlieren sollte, wie es ihr gutes Recht wäre, so wüsste ich nicht, was mit mir passiert. Ich weiß nicht, ob ich es aushalten würde. Ich vermisse Nina immer öfters und das ist gut so. Hier in der Ferne lerne ich ihren wahren Wert erst richtig kennen, und wenn die nächsten acht Monate um sind, hoffe ich, dass ich sie so abgöttisch liebe, wie sie es verdient hat. Dann möchte ich Koreanisch lernen, mich verloben, viele Kinder machen und sie heiraten. Und das alles in dieser Reihenfolge.


Ich habe nur Sorge, dass ich nächsten Monat schon wieder anders denke. Mein lieber Japanisch-Lehrer Herr G. W., der die Herzlichkeit eines Weihnachtsmanns versprüht, hat einmal gemeint: „Der Auslandsaufenthalt in Japan ist wie eine Reise zu sich selbst.“ Ich glaube, das stimmt. Und allem Anschein nach kann ich mich selbst nur schwerlich leiden. Jeden Monat entdecke ich neue Facetten an mir, wo ich doch geglaubt habe zu wissen, mit wem ich es zu tun habe. In Monat eins habe ich mit dem einzigen Mädchen Schluss gemacht, das jedes Jahr meines Lebens wert gewesen wäre. In Monat zwei möchte ich mich Tätowieren und im dritten Monat verloben. Ich bin gespannt und beängstigt, was noch auf mich zukommt. Vielleicht finde ich in Monat sechs heraus, dass ich im Körper eines Mannes gefangen bin. Komme es, wie es soll.



In den drei Monaten, die ich hier bin, hat leider eine Tendenz stets angehalten. Ich beginne Japaner mehr und mehr zu verachten. Eine Tendenz, die zuerst in meinem Studium aufkam. Denn wie es so ist, wenn man sich lange mit einer Materie auseinandersetzt, beginnt man die rosarote Brille abzusetzen und die Dinge nüchtern zu betrachten. Ich habe gemerkt, im Land der aufgehenden Sonne ziehen sich lange Schatten. Diese Entwicklung halte ich jedoch für natürlich. Genau das Gleiche ist mir auch passiert, als ich mich in meiner Schulzeit intensiv mit deutscher Geschichte und der Gesellschaft auseinandergesetzt habe. Und dass ich ein kleiner Misanthrop bin, hilft dem Ganzen auch nicht gerade.


Japaner sind so weich wie ihr Essen. Das Härteste, was man hier zu beißen bekommt, dürfte ein hartgekochtes Ei sein. Nichtsdestotrotz liebe ich die ausgefallene und exotische Küche Japans. Gleich im Anschluss daran habe ich jedoch schon den nächsten Punkt der Kritik an den Japanern und japanischer Küche. Japaner lieben es, mit ausländischem Essen herum zu experimentieren. Manchmal mit Erfolg und manchmal mit butterweichen Makkaroni auf Tiefkühlpizza. Bei Gott, ich habe einmal ein „Frankfurter Würstchen“ bestellt und die haben das arme Ding vom Kühlschrank in die Fritteuse geworfen und mir am Spieß in die Hand gedrückt, wie ein frittiertes Eis am Stiel. Das Ding war innen noch kalt und hatte weder die Form noch annähernd den Geschmack eines Frankfurter Würstchens. Vor hundert Jahren wäre das Grund genug für eine Kriegserklärung gewesen. Quasi das Frankfurter Äquivalent zu Pearl Harbour. Das Experimentieren ist aber nicht mein Punkt der Kritik. Im Gegenteil, Experimentierfreude weiß ich zu schätzen. Ich probiere immer gerne alles aus, was ich nicht kenne. Das Problem ist, dass Japaner mit allem experimentieren, außer mit ihrem eigenen Essen.


Wie alles Japanische, wird dieses auf ein heiliges Podest gestellt, wo es unantastbar bleibt, weil der Japaner nichts so liebt, wie seine Tradition, an die er sich festklammert, wie ein Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel an die letzte Flasche Rum im Auge eines Sturmes. Und wie der Schiffbrüchige haben Japaner viel zu viel Zeit alleine auf ihrer stolzen und einsamen Insel verbracht, als dass sie dazu in der Lage wären, so etwas wie Demut oder aufrichtige Reue gegenüber anderen Nationen empfinden zu können.


Wenn man das erst einmal erkannt hat, hat jedes Lächeln und jede Verbeugung den bitteren Nachgeschmack einer gemeinen Lüge. Es heißt ja nicht ohne Grund „Land des Lächelns“ und nicht „Land des Lachens“. Hier spiegelt sich die versteckte Mentalität der Japaner wider, in der nichts über dem Japaner steht und erst recht kein stinkender Barbaren-Müll von Übersee. In einem Land, das die Todesstrafe für gerechtfertigt hält und in dem Vergewaltigung als Kavaliersdelikt gilt (solange man Japaner ist), in dem eingeheiratete Ausländer im Familienregister den Status eines Haustieres bekommen und in dem bei Sandwiches immer der Rand abgeschnitten wird, kann man sich nur echauffieren, wenn man Japan zuvor als fortschrittliches Paradies wahrgenommen hat. Ich schreibe mich in Rage und werde mir selbst unsympathisch.

Bildergalerie

Kōbe Luminarie - Ein Lichterfest, das jeden Dezember stattfindet. Sehenswert!