20.12.2018
Das Leid wird wohl doch nicht so schnell vorbeigehen, wie mir mein Optimismus gestern glauben gemacht hat. Heute Morgen, gerade eben, hat mich ein grässlicher Traum aus dem Schlaf gerissen. Schon wieder bin ich von ganz alleine um sieben Uhr aufgewacht, obwohl ich heute erst um zwölf Uhr zur Uni muss.
Ich habe nicht das Bedürfnis, wieder einzuschlafen. Zu groß ist die Angst, dass der Traum wieder seinen dunklen Schatten über mich wirft, wenn ich die
Augen schließe. Wie das mit Träumen so ist, kann ich dessen Geschehnisse
nicht im Detail wiedergeben. Doch was vom Traum blieb, ist das Gefühl des Verrats. Ich war an irgendeinem Fluss, der mich an die Nidda in Frankfurt erinnert. Nina und ich waren
dort oft spazieren. Nina war dort und hat auf mich eingeredet. Ich müsse ihr und ihrem Freund Zeit geben. Und bevor ich den Liebesbrief schicke, müsse ich zuerst mit ihm reden und ihn fragen, ob ich sie zurückhaben darf. Hinter Nina waberte das Antlitz meiner
Familie und Freunde, ähnlich einer Fata Morgana. Es war, als ob alle hinter ihrer Meinung stünden. Ab hier wird es noch sehr vage und verschwommen.
Ich fühle mich sehr, sehr verletzt. Natürlich nicht nur wegen des Traums. Ich komme einfach auch nicht „darauf klar“, dass sie in nicht einmal zwei Monaten,
ein weiteres Mal die „Liebe ihres Lebens“ gefunden zu haben scheint. Wenn ihre Liebe so groß war, wie kann es sein, dass sie jetzt weg ist? So etwas entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Sie weiß nicht, wie ich leide. Und das ist vielleicht gut so, sonst
würde sie zu mir zurückkommen. Und wie im Brief zuvor schon erwähnt, möchte ich sie zurück, weil
sie es will, nicht weil nur ich es möchte. Neid, wenn ich Pech habe, frisst sich dieses ekelhafte Gefühl durch meinen Leib und zersetzt den guten Geist, der diesen schönen Liebesbrief geschrieben hat. Gedacht habe ich nicht mit dem Kopf, als ich den Brief
schrieb, sondern mit dem Herzen. Wenigstens wurde so der Höhepunkt des Schaffens, meines guten Geistes, in diesem Brief festgehalten und auf Papier gebannt.
Ich habe selten Träume und noch seltener schöne. An die Albträume meines Lebens erinnere ich mich jedoch immer gut. Einer der prägnantesten verfolgte
mich meine halbe Kindheit hindurch. Als meine Eltern noch zusammen waren und wir zu viert, mit meinem kleinen Bruder, in der zu kleinen Wohnung im zweiten Stock in Bockenheim wohnten, träumte ich oft, wie ich am Geländer des Fensters spielte. An einem Punkt
im Traum stürzte ich immer hinunter. Kurz bevor ich auf dem Boden aufschlug, wachte ich auf. Diesen Traum muss ich ein
dutzend Mal gehabt haben. Damals dachte ich, der Traum
sei
ein Zeichen und sagte
mir, wie ich sterben würde. Anscheinend
lag mir nichts daran, mich dagegen zu wehren, denn er hielt mich nicht davon
ab, immer wieder an jenes Geländer zu gehen. Doch gut zu wissen, dass es nicht so einfach funktioniert.
Ein weiterer Albtraum meiner Kindheit fand ebenfalls im Hinterhof der alten Wohnung statt. Dort versteckte ich mich vor einem wilden Troll, der meine
Mutter gefressen hatte. Der Traum schien mir so lebhaft, dass ich in panischer Angst war, als ich schweißgebadet aufgewacht bin. Ich suchte ein Versteck und war heilfroh und erleichtert, mich in der Welt der „Realität“ wiederzufinden. Realität habe ich an
dieser Stelle in Anführungszeichen gesetzt, weil ich mir dessen zunehmend
nicht mehr so sicher bin.
Den aktuellsten und wohl heftigsten Albtraum hatte ich, als ich mit Nina vor einem Jahr in Korea war. Dort schlief ich alleine in einem runtergekommenem Hostel namens Kimchee. Ich träumte, dass mein älterer Halbbruder, der abgetrieben wurde bevor ich geboren war, von meinem Körper Besitz ergriff. Voller Hass und Wut beschimpfte er durch meinen Mund, meine Mutter auf das übelste. Er redete durch mich, nicht indem er Luft ausströmen ließ, sondern indem er einatmete, wodurch seine bzw. meine Stimme einen unheimlichen Klang erhielt. In aller Exorzisten Manier sprach er/ich sogar rückwärts, doch ich konnte akustisch kaum was verstehen. Ich erinnere mich an keine Wörter, trotzdem habe ich alles verstanden, als wären seine und meine Gedanken dieselben gewesen. Meine allerliebste Frau Mama weinte bittere Tränen der Furcht, Verunsicherung und Trauer. Dann wachte ich auf und fand mich neben dem Bett, auf dem Boden wieder. Ich war völlig verkrampft. Ich glaube sogar, dass ich nachts geschrien habe. Das wäre äußerst peinlich, denn ich war in einem Gemeinschaftsraum mit circa elf anderen Leuten, von denen mich alle am nächsten Morgen seltsam anschauten. Ich wette, die haben sich voll ein gekackt, ich habe es auf jeden Fall fast.
Einen ähnlich intensiven Traum hatte ich wenige Jahre zuvor. Der Traum begann schön. Ich streichelte meine Katze, den wundervollen Tiger, und hielt ihn
im Halbschlaf in meinem Arm. Plötzlich fing er an, seine Krallen in mein Fleisch zu rammen. Er riss sein Maul auf,
das
ich noch nie so groß gesehen hatte,
und wollte mich beißen. Plötzlich wurde meine zierliche Katze zu einem haarigen Biest mit unglaublicher Kraft. Es umschloss mich mit seinen
Pranken, presste mich gegen seinen harten Brustkorb und rammte mir seine langen Säbelzähne in den
Rücken. Ich schrie lauthals, doch vor Schmerz und Schock blieb mir beinahe die Luft weg. Ich wusste mir nicht besser zu helfen, als es dem Biest gleichzutun. Ich umschlang es ebenfalls kräftig, mit der Absicht, das Leben aus ihm zu pressen. Ich krallte mich
fest und biss zu, mit aller Kraft, die mir mein Körper in diesem Augenblick gab. Plötzlich wachte ich auf. Schweißgebadet hörte ich den kurzen Nachklang meines dumpfen Schreiens in der schummrigen Dunkelheit meines Zimmers
verhallen. Ich hatte in mein Kissen gebissen und hielt es in jener Art fest, die ich eben beschrieb.
In dieser Nacht hatte ich Angst davor, nochmals einzuschlafen. Ich werde mich einer Deutung dieser Träume entziehen.
Schöne Träume gab es sicher auch. Die einzigen,
die mir davon in Erinnerung geblieben sind, sind jedoch feuchte Träume, sry. Zum größten Teil
waren die aber gar nicht groß romantisch oder aufregend. Sie waren eher verwirrend und seltsam. Aber nicht die Art von verwirrend und seltsam, wie eine Beichte beim katholischen Priester. Ich erinnere mich noch an einen recht lustigen Traum. Als ich noch mit
Nina zusammen war, gab es einen Traum der zu einem feuchten hätte werden können, doch selbst im Traum habe ich voller Schwermut das Angebot meiner traumhaften Verführerin abgelehnt. Zu sehr saß mir mein schlechtes Gewissen im Nacken. Ich konnte und wollte
meine Freundin einfach nicht betrügen, nicht mal im Traum. Nina hat dieser Traum natürlich sehr gefallen,
als ich ihn ihr erzählte. Oh Mann, ich vermisse sie sehr. Mit Nina hatte ich meine erste richtige
Beziehung. Davor gab es quasi nur zaghafte Versuche.
Ich spüre, wie mein Körper auf meinen emotionalen Stress reagiert. Habe wieder Magenkrämpfe und kann nicht mehr schlafen. Dabei bin ich gestern gegen
halb zwei ins Bett. Sechs Stunden Schlaf reichen mir eigentlich nicht aus. Und schon quält mich mein Gewissen wieder. Es sagt mir, ich solle mit der nun gewonnen Zeit mehr anfangen, als nur zu trauern. Es verlangt von mir, mich in Hausaufgaben und japanische
Vokabeln zu stürzen. Doch dazu sehe ich mich nur wenig in der Lage. Zu zerstreut sind meine Gedanken. Gerade jetzt würde es mich noch mehr quälen,
meine Fehlentscheidungen schwarz auf weiß zu sehen, in Form von Kanji, die ich nicht verstehe,
und in Form von Texten, die mir nur Fragmente offenbaren. Zweifellos, meine Zeit hier fühlt sich
oft wie eine ganz
große Fehlentscheidung an. Ich habe einen
der wenigen Punkte im Leben erreicht, in denen ich gerne zurück in die Vergangenheit reisen würde, um mich davon abzuhalten Japanologie als mein Hauptfach zu nehmen. Dann wäre ich vielleicht noch bei Nina und mein Studium womöglich heute schon beendet. Ich
könnte zu Rocket Beans nach Hamburg, wie es schon mein Kindheitstraum. Seinerzeit war ich so ahnungslos ob des heranziehendes Leides und der Chance, dieses noch abzuwenden.
Sicher, manchmal hätte ich mich im anderen Fall bestimmt gefragt, wie der verpasste Auslandsaufenthalt wohl gewesen wäre. Und bestimmt hätte ich ab und an auch meine früheren Kommilitonen
darum beneidet. Doch ich fürchte, ich wäre so glücklicher.
Andererseits ist mir sehr wohl klar, dass diese Zeit hier sich als die wichtigste meines Lebens offenbaren kann. Es ist nicht die schönste, aber vielleicht
die wichtigste Zeit meines Lebens. Besonders was die Entwicklung meines Charakters angeht, ist es vielleicht sogar gut. Doch wann kommt die Gewissheit? Leider wird es wahrscheinlich erst so weit sein, wenn ich diese verfluchte Insel mit zwei Bergen verlassen
habe. Ich muss durchhalten. Ich muss es tun, für den Zukunfts-Lukas, auf den ich sonst immer nur wenig achtgegeben habe. Oft glaubte ich zwar,
in seinem Namen zu handeln, doch allzu oft hat es sich als puren Egoismus herausgestellt. Überstehe ich dieses Jahr hier, kann ich vielleicht meine Schuld an ihm abbezahlen. Ob ich hier das Richtige tue? So oder so, Zweifel bleiben. Diese
werden mal stärker, mal schwächer. Die Antwort will Zeit haben und ich brauche Geduld.
Unko(Kacke)Sensei bekommt die Aufmerksamkeit von Kindern und bringt Mathe bei.