Japan-Tagebuch 20.12.2018

2018.12.23
Es wird wieder Zeit, sich Tinte von der Seele zu schreiben. Ich habe abermals nicht sehr gut geträumt. Bei Vollmond schlafe ich nie gut. Oder ich schlafe immer nicht gut und nur bei Vollmond fällt es mir auf. Ich habe geträumt, doch hatte so ziemlich das Gegenteil von einem feuchten Traum. Er hatte mit Nina zu tun. Sie wollte Sex mit mir, doch war noch mit ihrem Freund zusammen und wollte ihn auch nicht verlassen. Sie wollte nur meinen Körper. Ich wiederum wollte nicht und hätte auch gar nicht gekonnt. Ich glaube, mit diesem Traum rächt sich mein Unterbewusstsein für die sonst so romantischen Tagträume, die ich von Nina habe.
Seit nun fast zwei Wochen habe ich mir keinen mehr runtergeholt. Wäre Masturbation ein Thema, über das man in der Öffentlichkeit ganz unbefangen redete, wäre jeder um mich herum im Klaren darüber, wie kritisch mein Zustand demnach sein muss. Fast genauso lange habe ich auch keinen Appetit mehr. Ausschlaggebend ist mein emotionaler Zustand, denke ich. Es ist interessant zu beobachten wie ähnlich sich doch Sex und Essen, Lust und Appetit zueinander verhalten. Sicher variiert der Grad der Ähnlichkeit von Mensch zu Mensch. (Ich zum Beispiel halte nichts von Diät.) Trotzdem kann wohl niemand verleugnen, dass es eine gewisse Schnittmenge gibt zwischen Sex und Essen. Eine Parabel, mit der sich der Film „Tampopo“ gekonnt auseinandersetzt.

Nina hat immer toll gekocht. Wir hatten immer viel Spaß beim Essen und wir haben viel gegessen. Im ersten Jahr sogar jeden Tag, den wir zusammen verbracht haben. Wir haben natürlich auch oft im Bett gegessen, aber auch in der Küche, im Bad, im Wohnzimmer, auf dem Tisch und einmal sogar auf dem Balkon. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt! Ach ja, wir haben aber auch viel gevögelt. Mein Appetit wird sicher bald zurückkehren, hoffentlich.
Als ich den obigen Teil geschrieben habe, saß ich in einer Bahn (Hankyu-Line) auf dem Weg nach Kyôto. Jetzt, sechs Stunden später, sitze ich in einer Bar in Kyôto und schäme mich bereits für die Zeilen von zuvor. Doch ich will sie nicht durchstreichen. Ich habe das Gefühl, diese Scham verdient zu haben. Es ist wohl eine Art selbstkasteiung. Die Bar in der ich jetzt sitze ist übrigens die gleichen Bar, in der ich vor circa drei bis vier Jahren zum ersten Mal mit Karin (meiner verflossenen Sandkastenliebe) gesessen habe. An diesem Tag war mein emotionaler Zustand vergleichbar schlecht. Es lief nicht gut. Doch darüber schreibe ich vielleicht ein anderes Mal.
Als ich heute Mittag in Kyoto ankam, wusste ich noch nicht, wo es mich im Verlaufe des Tages hin verschlagen würde. Ich stieg bei Kawaramachi, inmitten Kyôto, aus und lief einfach in Richtung Westen. Meine Beine haben sich quasi nicht aufgehört zu bewegen, bis ich hier, in meiner geliebten Beatles-Bar, angekommen bin. Es ist jetzt 19:17 Uhr und das kalte Bier zu meiner Rechten verrät mir, dass ich heute nicht zuhause schlafen werde. Schummriges, warmes Licht beleuchtet den rustikalen Pub im Kellergeschoss. Auf einer Leinwand laufen Videos von den Beatles. Dazu laufen alle Alben der Pilzköpfe die ganze Nacht rauf und runter. Viel Platz gibt es nicht, doch das spielt dem Charme dieses kleinen, geschmackvoll mit Beatles-Merc dekoriertem „Jellow-Submarine“ nur in die Hände.

Ich sitze am Tresen. Meine Augen haben gerade eine Flasche Berentzen erspäht, ist ja wie daheim. Ich habe das Gefühl, heute nichts falsch gemacht zu haben. Wo wir gerade bei Musik sind, gestern habe ich zum ersten Mal in meinem Leben (aber sicher nicht zum letzten Mal) eine Geige in der Hand gehalten und gespielt. Mit meinen lieben Leidensgenossen Mark aus Ungarn und Sofie aus der Schweiz waren wir bei unseren U.S.-amerikanischen Freunden, Sam und Christy. Sam ist zwar erst 21 und Christy 23, doch die beiden sind schon verheiratet und geben ein tolles Paar ab. Es war in ihrer schönen japanischen Wohnung, wo wir zu fünft Weihnachten feierten. Später spielte Sam auf seiner Gitarre und Christy auf ihrer Geige. Ich durfte auch mal ran und natürlich klang es nicht gut, doch ich habe Blute geleckt. 15 Jahre lang habe ich Gitarre gelernt und nie solch eine Lust verspürt, das Instrument beherrschen zu wollen. Vielleicht gönne ich mir einfach mal eine Geige. Habe welche im Second-Hand-Shop gesehen. Reden wir aber lieber von heute, solange die Gedanken noch frisch sind.

Da bin ich also. Sieben Stunden Fußweg liegen hinter mir. Von der Station aus bin ich einfach in Richtung Westen Kyōtos gelaufen. Nachdem ich das urbane Zentrum hinter mir gelassen habe, wurde die Gegend hügeliger und ruhiger. Es muss der Rand der Stadt gewesen sein, durch den ich mich bewegte. Ich liebe es, unbekannten Boden zu betreten. Jeder Schritt zeigt mir etwas Neues. Hinter jeder Ecke verbirgt sich eine neue, traumhaft, verschlafene Straße. Ich glaube, ein Großteil der Faszination wird durch das Gefühl ausgelöst, in einer Miniatur-Stadt unterwegs zu sein. Die Straßen sind oft eng, die Autos klein und klobig, überall hängen Leitungen über den Straßen und die Häuser sind oft aus Holz. Viele Häuschen sind in engste Nischen gepresst und so ineinander verbaut, dass sie manchmal wie Kulissen wirken. Ich habe alles aufgesaugt, mit meinen Augen, Ohren und sogar mit meiner Nase. Ich liebe Gerüche. Mit Japan verbinde ich immer ein ganz bestimmtes Set an Gerüchen. Oft riecht es leicht nach faulen Eiern. Das ist aber auf keinen Fall so schlimm, wie es klingt. Mir gefällt es sogar. Dabei handelt es sich um das Gas, mit dem in Japan fast überall noch gekocht wird. Vor allem in urbanen Gegenden und in Lokalen kann man diesen Geruch wahrnehmen. Etwas weiter ab vom Schuss, in den engen Straßen der traditionelleren Wohnviertel, vermischen sich die Gerüche. Gegen Abend strömt der herzhafte Duft von leckerem Abendessen durch die Gassen. Wenn es geregnet hat, so wie heute, kommt ein lieblicher Duft von altem, nassen Zedernholz dazu. In Kombination mit der aufsteigenden Feuchtigkeit ergibt sich ein Geruch, welcher sich mit den welken Seiten eines alten Buches vergleichen lässt. Das ganze Geruchserlebnis erreich seinen Höhepunkt, wenn der Duft frisch gewaschener Wäsche in Erscheinung tritt. Nach einigen Stunden laufen, schaue und erschnuppere ich ein Highlight meiner kleinen Aventüre. Der Duft von Spiritualität liegt in der Luft. Es sind Räucherstäbchen. Ein großer Tempeldistrikt gab sich zu meiner Linken zu erkennen. Es war der Ninna-ji Tempel. Dieser Ort beherbergt einen der Nationalschätze Japans. Ich legte eine Pause ein und beobachtete Japaner dabei, wie sie vor dem Tempel ihr Gebet abhielten, mit der Absicht es ihnen gleichzutun.

Es war dieser Augenblick, in dem ich bemerkte, dass die Japaner selbst keine richtige Ahnung davon haben, wie „korrekt“ gebetet wird. Einmal beobachte ich einen Japaner, wie er zuerst sein Geld in den Opferkasten vor dem Altar wirft, danach zweimal in die Hände klatscht, sich verbeugt, sein Gebet macht und sich zurückzieht. Ein anderer verbeugt sich zweimal und klatscht gar nicht. Der nächsten Gebetswütige wirft nur schnell Geld in den Kasten und faltet dann die Hände zum Gebet. Ich hatte genug gesehen. Als ich vor dem Schrein stand, beschloss ich schließlich, zu improvisieren und tat von allem ein bisschen.
Auf dem Rückweg fand ich einen kleinen Berg, der es vielleicht eher verdient hat „Hügel“ genannt zu werden. Er fiel auf, weil auf ihm ein kleiner Wald wuchs, der ihn größer erscheinen ließ, als er in Wirklichkeit war. Zudem war der Hügel rundum von Häusern umgeben, die ihm das Antlitz einer kleinen Insel im Meer verliehen. Weil ich kleine Gassen und ausgetretene Pfade im Wald unwiderstehlich finde, dauerte es nicht lange, bis ich den Weg auf die Spitze der Insel gefunden hatte. Ich erwartete eine schöne Aussicht und wurde nicht enttäuscht. Oben traf ich zudem zwei ältere Herren, die mit ihren Hunden spazieren gingen. Wir kamen schnell ins Gespräch. Es ist genau diese Art von Japanisch-Unterricht, die ich liebe. Tage wie dieser lassen Japan und die Japaner in meinem Ansehen wieder steigen. Leider gibt es von diesen Tagen zu wenige.

Gerade ist es zehn nach acht, doch ich will auf keinen Fall in mein verkacktes Dorm zurück. Ich hasse Saito-Nishi und den Mino-Campus am Arsch der Welt. Bin heute am Doshisha-Campus vorbeigelaufen. Dabei bin ich mir einer weiteren Fehlentscheidung meines Lebens bewusst geworden. Nichts kommt an den Doshisha-Campus und seinen großzügigen, weitläufigen europäischen Stiel heran. Der Mino-Campus hingegen wirkt wie ein heruntergekommenes Fabrikgelände. Auch die anderen Osaka Campi geben optisch nicht viel mehr her. Ich werde versuchen, heute Nacht noch in einem billigem Hostel Unterkunft zu finden. Aber erst noch ein Bier.

Hat tatsächlich geklappt. Ich habe mit der reizenden, wie jungen Frau geschwätzt, die hinter dem Tresen gearbeitet hat. Sie hat mir gesagt, dass es keine zwei Minuten von hier ein Internetcafé gibt, in dem man auch übernachten darf. Man hat es sich vorzustellen eben wie ein Internetcafé im 3. Stock, aber mit getrennten Räumen. Auf zwei bis drei m² hat man dann in seiner kleinen Kiste einen PC und weichen Boden. Neben dem riesen Bildschirm sind Taschentücher, zum Wixxen nehme ich an. Auf Bestellung kann man für einen kleinen Aufpreis auch VR-Porn bekommen, das ist mir jedoch egal. Diese Läden werden übrigens auch Manga-Café genannt. Es gibt oft eine gigantische Auswahl an Manga, von A-Z. Darunter auch viel schmuddelige Hentais. Ein feuchter Traum für jeden Weaboo. Mein Sexualtrieb ist immer noch so aktiv wie ein Beamter im Ruhestand, wie eine ersoffene Ratte im seichten Wasser der Kanalisation oder ein Goldfisch im Einmachglas. Trotzdem ist noch genug davon übrig, um mich zurück in die Beatles-Bar zu locken, nur um noch einmal dem netten Mädel gegenübersitzen zu dürfen, das mir den Tipp mit dem Internetcafé gegeben hat. Die Bar gehört natürlich nicht ihr. Barbesitzer sind meiner Erfahrung nach nie sonderlich hübsch. Die Bar gehört dem in die Jahre gekommenem Beatles-Fan, der seit 72 fleißig hinterm Tresen schuftet. Netter Mann, immer für ein kurzes Gespräch zu haben. Es ist interessant zu beobachten, wie sich einige Dinge auf der ganzen Welt ähneln, ganz egal wo man ist. Egal ob die „Gute Stute“ in Frankfurt oder das „Ringo“ hier in Kyôto . Die alten Hasen stellen immer eine junge, hübsche Kellnerin ein, um verträumte Spinner anzulocken. Was soll ich sagen, es funktioniert. Ich bin nicht der einzige, der gerade am Tresen sitzt und ab und zu zur Barkeeperin rüber schielt, nur um so zu tun, als ob man die Getränke hinter ihr studiert, wenn sie zufällig mal zurück schaut. Würde der jungen Japaner links neben mir Deutsch verstehen und lesen, was ich hier schreibe, er würde sich ertappt fühlen. Bildergalerie

Eine kleine Reise durch den Tag.