26.12.2018
Mir geht’s nicht wirklich besser. Nina beschäftigt mich nach wie vor sehr. In einem Gespräch mit meiner lieben Frau
Mama habe ich den Entschluss gefasst, nicht länger mit dem Liebesbrief zu warten. Ich kann mich nicht weitere vier Monate hinhalten
und quälen. Außerdem hat meine Mutter recht, wenn sie sagt, dass es künstlich ist, wenn ich bis zum Geburtstag warte. Keine Zeit mehr zu verlieren, also habe ich gestern Nacht alles vorbereitet und ein kleines, kreatives Meisterwerk von einem Paket erschaffen.
Neben ein paar Nenga-jou (Neujahrsgrüßen), die ich selbst geschrieben habe, ist in einem Paket auch ein Brief für Nina enthalten. Wie im
Wahn habe ich alles, was ich in den letzten Monaten für Nina gesammelt habe, zusammengestellt.
Darunter waren getrocknete Blätter und Blumen, lustige Bilder von japanischen Curry-Verpackungen, dich ich ausgeschnitten und zu einer kleinen Collage zusammengesetzt hatte. Es war, als ob ich ein Puzzle löste. Es ist vielleicht nicht perfekt geworden, aber
sehr, sehr gut. Auf den Brief habe ich getrocknete Blätter geklebt, die ich seit Jahren für solch einen Augenblick in meinem Schreibhefte aufbewahrte.
Auf manche der Blätter habe ich süße, kleine Gesichter gepinselt. Öffnet Nina den Brief, muss sie an einer netten Dame im Kimono
vorbei, die ich aus der Verpackung meines Lieblingscurrys geschnitten habe. In einer Sprechblase über ihr steht so etwas geschrieben, wie „Lukas war dumm und jung. Vergib ihm zum ersten und letzten Mal, denn er liebt dich!“. Diese Dame versiegelt quasi den
Brief. Öffnet sie ihn, begegnet ihr dieselbe Dame noch einmal in groß. Sie wird an ihrem Kopf ziehen müssen, um den Inhalt des
Briefes aus dem Umschlag zu lösen. Dann kommt mein Liebesbrief zum Vorschein. Entfaltet sie den Brief, offenbart sich eine kleine Notiz, gespickt mit Blumen der letzten Jahre und anderer romantischer Kleinigkeiten. Ein größerer Zettel bereitet sie mehr oder
weniger auf den Hauptgang, den eigentlichen Liebesbrief, vor. Der eigentliche Liebesbrief, in dem mein Herz liegt, ist in Herzform gefaltet und mit echtem Siegelwachs versiegelt. Als Stempel habe ich die Rückseite eines 10 Yen Stücks benutzt. Zum Liebesbrief
selbst habe ich bereits genug gesagt. Er ist mit meinem Herzen geschrieben, in einem Augenblick voller Klarheit, mit Gefühlen, die so real sind, wie das Papier, auf dem sie geschrieben stehen.
Nina ist gerade in den U.S.A bei ihrer alten Freundin. Sie kennen
sich noch aus ihren Uni-Tagen in Korea. Nina kommt am siebten zurück. Ich werde meinem Paket das
Express-Ticket
verpassen, ganz egal, wie viel es kostet. Der Wert dieses Pakets ist für mich in Geld nicht zu messen. Ich wüsste nicht, was ich
tun sollte, wenn es auf dem Weg verschwindet. Eine Angst, die mich bis in meine Träume verfolgt.
Meine andere und viel größere Sorge ist die Reaktion von Nina. Natürlich hoffe ich auf eine dieser berühmten zweiten Chancen. Zwar lässt der Liebesbrief eine gewisse
Selbstlosigkeit erkennen, trotzdem bin ich momentan mit äußerst egoistischen Gedanken beschäftigt. Ich weiß nicht, ob
ich meinem eigenen Anspruch gerecht werden kann, wenn die Zeit gekommen ist. Nur der Brief erinnert mich an die Klarheit, die ich
empfand, dort oben auf dem Berg. Aber ist ja klar. Momentan bin ich einfach nur ein verliebter Idiot, der auf das Beste hofft. Würde sie zu mir zurückkommen,
sorgte ich dafür, dass
das die beste Entscheidung ihres Lebens ist.
Wird sie nicht zurückkommen, werde ich lernen müssen zu der Selbstlosigkeit zu stehen, die ich im Brief predige. Doch jetzt ist nicht die Zeit für Selbstlosigkeit. Ich bin zu selbstlos, wenn es um mich geht, habe ich gemerkt. Ich schone mich nur selten. Außerdem geht es hier um meine verdammte Nina. Ich würde so einige Regeln und gerne auch die Knochen ihres Neuen brechen, wenn das etwas bringen würde.
Bis zum siebten werde ich wohl nicht so viel Ruhe haben, wie gehofft. Das ist äußerst unpraktisch, denn nächsten Monat beginnt die heiße Phase der Prüfungen. Jeden Tag drei Prüfungen, eine Woche lang. Die Japaner spinnen echt, die haben ein Rad ab. Aber selbst Schuld. Kein Japaner hat mich dazu gezwungen, sein Land, seine Sprache und seine Kultur zu studieren. Es war meine Entscheidung und die letzten Monate fühlt es sich nach einer sehr falschen Entscheidung an.
Ich kann keinem das Studium dieser ängstlichen, rassistischen und spießigen Inselbewohner empfehlen. Man könnte meinen, ich rede von meinen eigenen Landsleuten, aber wir leben auf keiner Insel. Abgesehen davon sind wir sehr ähnlich. Ich glaube, spätestens jetzt dürfte das jeder bemerkt habe.
Mein Herz ist zu sehr von ekelhaften Gefühlen zerfressen, die zum größten Teil durch Selbsthass geboren wurden. Selbsthass für die Entscheidungen, die ich bis hierhin getroffen habe, von denen die Abkehr von Nina am schwersten wiegt. Ich hätte nie gedacht, wegen eines Mädchens in meinem Leben noch einmal derart zu leiden. Ich bitte jeden Japaner, der diese Zeilen lesen sollte, nicht Hass, sondern Mitleid für meine arme Seele zu empfinden. Ich habe meine Liebe für Japan geopfert. Es war meine Entscheidung, aber mein Ego verbietet mir, den Fehler bei mir zu suchen. Ich fürchte, ganz gleich in welchem Land ich jetzt wäre, ich würde es gleichermaßen verfluchen.
An Tagen bei denen ich einfach auf Wanderschaft gehe, wie in Kyōto, blüht sie kurz wieder auf, meine Liebe für Land und Leute. Doch es ist eine schwache Blüte, die sich schnell wieder schließt.
Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn der Brief keine Wirkung zeigt. Ich … ich habe wirklich keine Ahnung. Dieser Brief ist gerade alles für mich. Damit steht und fällt mein Herz. Ich weiß nicht, wie ich durch die Straßen Frankfurts laufen soll, ohne bei jedem Schritt mit Reue an unsere gemeinsame Vergangenheit zu denken. Ein Problem, das Nina selbst auch gehabt haben muss, nur hat sie das große Glück, mit einer gewissen Leichtigkeit geboren worden zu sein. Ich bin mir sicher, dass die ersten Wochen die Hölle für sie waren, doch ist sie emotional nicht so unnötig kompliziert gebaut, wie es mein leidhaftes Wesen doch ist. Gestern war es übrigens so weit. Ich war zum ersten Mal beim Psychologen. Angelo, mein guter Freund, hat mir empfohlen doch mal hinzugehen. Nicht unbedingt nur wegen meines Zustandes. Er meinte, es ist besser, daraus kein Geheimnis für die Uni zu machen. So bin ich für eventuelle Fehlstunden oder unerwünscht niedrige Leistungen besser entschuldigt.
Da war ich dann also, auf dem Toyonaka-Campus, der übrigens um einiges schöner ist als der gottverlassene Minoh-Campus. Die Psychologin war eine nette, junge Japanerin. Sie verstand und sprach sehr gut Englisch, was in Japan keine Selbstverständlichkeit ist. Sie selbst habe vier Jahre lang in Deutschland gelebt, ließ sie mich gleich zu Beginn wissen. Das war aber so ziemlich die einzige Information ihrerseits. Der Rest der Sitzung war einseitig, was nicht so negativ gemeint ist, wie es klingen mag. Zum größten Teil habe ich einfach 50 Minuten lang geredet und ein wenig geweint. Ich habe fast jeden Aspekt meiner Probleme angesprochen und erklärt. An einer Stelle meine ich sogar, Tränen in ihren Augen erkannt zu haben. Meine Geschichte gab ihrem Gesicht einen Ausdruck von Trauer. So etwas habe ich bis jetzt bei noch keinem Japaner beobachten dürfen. Von Emotionen hält man in Japan nicht so viel.
Ich ging sogar auf mein gespaltenes Verhältnis gegenüber Japan und Japanern ein. Ich gestand, dass ich derzeit sehr enttäuscht von Japanern bin. Besonders
in Bezug auf meinen Kyudou-Club, den ich gedenke zu verlassen. Zu oft musste ich in der Bahn, in der Uni oder auf dem Weg dorthin diese ignorierenden Blicke ertragen. Es klingt wie ein Oxymoron, doch ich weiß es nicht besser auszudrücken. So
etwas passiert auch manchmal in Deutschland, aber nicht
mit der Häufigkeit und in dem Ausmaß, wie es in Japan der Fall ist.
Um ein Beispiel zu nennen: Hamada-San ist ein recht netter Geselle. Er hat mir geholfen, mein Kyūdō-Equipment zu kaufen. Auch sonst ist er immer recht
nett und lächelt viel. Einmal hat er im Training sogar von sich aus mit mir gesprochen, eine absolute Seltenheit. Ihm saß ich durch Zufall in der Bahn gegenüber. Als ich ihn bemerkte, wollte ich ihn nur kurz mit einem Blick grüßen, doch er schaute einfach
durch mich durch oder an mir vorbei. Dann senkte er leicht seinen Kopf und tat auf einmal so,
als ob er schlafen würde. Was ist los mit diesen Leuten? Ich erwarte doch kein langes, tiefgründiges Gespräch oder dergleichen. Ein kleines „Hi“ oder ein anerkennendes Nicken würde ja völlig ausreichen. Na ja, von diesen Augenblicken gab es welche im Kombini
und in der Uni, mit verschiedensten Leuten aus meinem Kyudou-Club. Es sind Eindrücke wie diese, die dafür sorgen, dass sich für mich die allseits bekannte „japanische
Höflichkeit“ entpuppt und sich als nichts weiter herausstelle, als eine schöne Maske über einem hässlichen Gesicht. Vielleicht bin ich aber auch Opfer eines kulturellen Unterschiedes geworden, der mir zuvor nicht klar war. Höflichkeit und höflich sein sind
schließlich zwei verschiedene Dinge. Zurück zum Seelenklempner.
Als ich auf meinen Vater zu sprechen kam, sprach ich über meine Angst, ebenfalls Alkoholiker zu werden. Ich erzählte ihr von meiner Befürchtung, er könne vielleicht sogar sterben, während ich hier in Japan bin. Er ist nicht der Gesündeste und die Todesfälle der letzten Monate lassen mir immer noch keine Ruhe. Dann war die Zeit um, doch sie hielt es für äußerst wichtig, einen nächsten Termin im Januar zu vereinbaren.
Ich halt es nicht mehr aus. Es ist erst 17 Uhr, aber schon stockfinster. Habe gerade auf WhatsApp einen Status von Nina gesehen, wie sie mit ihrer Freundin
in den U.S.A vor Weihnachtsdeko posiert. Ich hätte nicht gedacht, dass mir so eine Kleinigkeit so sehr an die Substanz gehen kann. Ich liebe sie sehr und möchte meine zweite Chance nach wie vor um jeden Preis. Scheiße, ich glaube sogar, ich würde für sie alles
stehen und liegen lassen, nur um bei ihr sein zu können. Wenn sie sich für mich entscheiden sollte, werde ich dafür sorgen, dass es die beste Entscheidung ihres Lebens ist.
Ich kann die Minuten, die vergehen, kaum noch ertragen. Ich sitze alleine hier, in meinem verkackten Zimmer, in diesem beschissenen Dorm auf einer verfluchten
Insel mitten im Pazifik und kann nichts machen außer warten bis mein Brief ankommt und sie am Siebten zurück ist. Das Gefühl, die Gewissheit zu haben, nichts mehr tun zu können, ist mir die größte Last. Es gibt nichts, das ich Nina noch schreiben kann. Ich
habe bereits den Fehler gemacht und ihr auf WhatsApp eine Kleinigkeit geschrieben. Ich kann spüren, dass sie sich von mir löst.
Immerhin hat sie nach unserem langen Gespräch zu mir gesagt, dass sie mich immer noch liebt! Also hätte ich ja eigentlich nichts zu befürchten und alles
wird gut werden. Ich war aber nie ein großer Optimist. Und was für eine geile Sau muss bitte der Kerl sein, mit dem sie jetzt zusammen ist? Wie krass unkompliziert ist Nina, dass sie Nacht für Nacht in unserem Bett schläft, bei meiner/unserer Familie in meinem
Zimmer und mich nach nicht einmal zwei Monaten schon überwunden hat. Was für ein riesen Glück sie doch hat, sich so schnell verlieben zu können und was für ein Glück sie doch hat,
nicht so viel über alles und jeden nachdenken zu müssen. Ninas Unbeschwertheit möchte man besitzen. Damit kommt man definitiv
leichter
durch das Leben.
Vorhin saß ich im Park und las Mishima Yukios „Geständnisse einer Maske“. Meine dritte Kippe aschte auf meine Hose. Die kleine Flasche Rum war geleert, als in mir ein Gedanke aufkam, den ich lange nicht mehr hatte. Mir war das Leben Leid. Ich will nicht sagen, dass ich selbstmordgefährdet bin oder so. Es hat sich nur so angefühlt als, ob der Großteil meines Lebens bis jetzt einfach nur anstrengend und mühsam war. Jeder kennt vielleicht das Gefühl 'ne Scheißzeit zu haben und deshalb mehr zu rauchen. Ich denke, das tut man, weil in Augenblicken wie diesen der Tod ein willkommener Gast ist. Natürlich fehlt mir das Verständnis dafür, was es bedeutet, langsam dahinzusiechen. Wenn ich an einer Zigarette ziehe und mir denke: „Is mir egal, obs mich umbringt.“ habe ich natürlich nicht vor Augen, wie ich langsam in einem Krankenhaus verrecke. Trotzdem stellt sich eine gewisse Müdigkeit ein. Es ist das Leiden, das Leben Leid zu sein. Ich bin wirklich kein religiöser Mensch, trotzdem finde ich immer öfter den Weg zu einem Schrein und bete dort.
Sofie schreibt die schönsten Grußkarten. Meine steht bis heute voller Stolz im Regal zur Schau.