28.12.2018
Heute war ich den ganzen Tag allein unterwegs. So ist es der Fall, dass mich die Gedanken um Nina ganz besonders quälen. Es sind die widerwärtigsten Gedanken, die jemand in meiner Lage nur haben kann. Ich muss mir immerzu vorstellen, wie er und sie all das machen, was wir zusammen gemacht haben. Meine dunkle Seite flüstert mir stets zu, wie sehr sie den Sex mit ihm genießt. Ich muss mir vorstellen, wie sie sich ihm hingibt, so wie einst mir. Gedanken wie diese entwerten alles Schöne, was bis dahin gewesen ist. Ein Mensch sollte nicht dazu in der Lage sein, so denken zu können. Ekelhaft.
Mit Gedanken an meine kleine Romanze in Kōbe versuche ich mich selbst zu trösten. Der Sex war aber bei weitem nicht so gut, wie mit Nina. Guter Sex braucht Zeit. Nur geil zu sein, hilft vielleicht beim Wixxen, aber beim Sex muss man herausfinden, was der andere mag und was nicht. Hört mich an! Als wäre ich ein kleiner Casanova. Dabei habe ich bei weitem nicht so viel Erfahrung, wie andere in meinem Alter. Apropos Sex, Penisneid und so, folgendes Thema schwebt mir schon länger im Kopf umher: In Deutschland bin ich wahrscheinlich Durchschnitt, was meine Größe angeht. In Japan ist es dann nochmal eine ganz andere Nummer. Hier fühle ich mich ein wenig so, wie Superman sich gefühlt haben muss, als er auf die Erde kam. Seine „Superkräften“ sind auf seinem Heimatplaneten nichts Außergewöhnliches, weil sie jeder hat. Doch auf der Erde gilt er auf einmal als etwas Besonderes. Das tut mir dann wiederum Leid für die Japaner, weil ich als Mann weiß, wie sehr einen die eigene Größe, oder viel mehr die Abwesenheit davon, verunsichern kann. Es ist mir auch etwas unangenehm darüber zu sprechen, doch was soll ich tun, darüber schweigen? Dadurch wird die Thematik nicht weniger existent. Ich kann verstehen, warum speziell japanische Männer Ausländer hassen. Und ich habe großen Respekt vor all denjenigen, die es nicht tun. Ich weiß, es klingt dumm und super kindisch, doch ich hoffe aufrichtig, dass meiner größer ist, als der von Ninas neuem Stecher. Damit wäre mir sehr geholfen. Manchmal bin ich eben doch ein einfacher Typ. Bei Gelegenheit werde ich ihn mal fragen.
Diese und weitere dumme Gedanken kamen mir in den Sinn, während ich mit schwerem Herzen den Tenpaku Fluss entlang in Richtung der Strömung spazierte. Ich ging einige Stunden einfach nur auf dem Dammrücken entlang, der Fluss zu meiner linken und Häuser zu meiner rechten. Alles schien so endlos. In zehn Tagen ist Nina zurück aus Amerika. Hoffentlich hat sie dann eine Entscheidung getroffen, was uns angeht. Meine größte Furcht ist jetzt auf einmal, dass sie sich endgültig für mich entscheidet, meine Gedanken und mein Herz bis dahin aber völlig vergiftet und korrumpiert sind. Komme was wolle, ich werde stark bleiben, stärker werden oder sterben. Ich sage mir: Sollte sie mein Herz verschmähen, ist sie diejenige, die einen Fehler gemacht hat. Damit wären wir dann quitt. Dieser Gedanke tröstet ein wenig. Entscheidet sie sich für mich, werde ich dafür sorgen, dass es die beste Entscheidung ihres Lebens war. Ich kann einfach nicht verstehen, wie sie immer noch sagen kann, dass sie mich liebt, aber nicht mehr mit mir sein möchte.
Als ich beim Spazieren durch meine Gedanken einen neuen Tiefpunkt erreicht hatte, begann sich meine schlechte Laune wieder auf Japaner zu fokussieren. Parallel zu meinem Weg verlief eine Straße. Diese war acht Meter tiefer gelegen und trennte die für Japan typischen Einfamilienhäuser vom Damm. Dort fuhr ein Mädchen auf einem Fahrrad entlang und starrte mich wie gebannt an. Ihr Kopf drehte sich langsam mit mir mit, während sie an mir vorbeifuhr. Ich starrte zurück und dachte nur: "Was guckst du so?" Als ich trotzdem zum Gruß winkte, winkte sie plötzlich zurück. Ich war völlig perplex. Mein emotionaler Zustand ist dermaßen labil, dass diese kleine Geste unschuldiger Freundlichkeit ausreichte, um mir Tränen in die Augen zu treiben. Wie durch Zufall war dann auch gleich der nächste Song in meiner Playlist ein äußerst trefflicher. Es sind Augenblicke wie dieser, in denen ich manchmal in die Versuchung komme, an etwas wie eine höhere Macht zu glauben. Und warum auch nicht. Das Leben ist hart und alles, was es leichter macht, halte ich für legitim, sofern niemand darunter leiden muss.
Die Sonne befand sich in der Senke, als ich eine Autobahnbrücke überquerte, um zum Hafen zu gelangen. Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig sah ich drei kleine Scheißer, die sich einen riesengroßen Spaß daraus machten, vor Autos oder Motorrädern kurz auf die Schnellstraße zu springen, um diese zu erschrecken und zu waghalsigen Ausweichmanövern zu zwingen. Ich habe noch nie ein dümmeres Spiel gesehen. Doch dumme Kinder gibt es überall. Etwas Ähnliches habe ich in Frankfurt an den Gleisen der U2 beobachten dürfen. Wie auch immer, da spielen also die kleinen Scheißer ihr Spiel, während ein alter Herr mit Hund auf ihrer Seite der Straße auf sie zukommt. „Ja wohl!“, dachte ich mir, „Der wird die jetzt richtig zur Sau machen! ", doch was geschah?! Der feige Sack zieht sich seine Kappe ins Gesicht und läuft so schnell mit seiner Töle an den Jungs vorbei, dass man den Eindruck gewinnt, es sei ihm nicht nur egal, sondern willkommen, wenn einer der kleinen Pisser zu Brei gefahren wird. Als ich endlich auf der Höhe der Bälger angekommen war, brüllte ich so laut: „OI!!!“, dass alle drei Pimpfe vor Schreck zusammenzuckten. Bevor diese noch einen klaren Gedanken fassen konnten, brüllte ich noch ein wütendes „Ki o Tsukete!“ hinterher. Die kleinen Pisser wussten gar nicht, wie ihnen geschah, als sie dieser grimmige, bärtiger Ausländer anbrüllte. Ich liebe diesen Schockmoment. Mit derselben Methode habe ich schon in Deutschland kleine Raufereien von Schülern gestoppt. Die hätten genauso gut vom Auto getroffen werden können, ihre Überraschung wäre nur wenig größer gewesen. Als ihnen nach ein paar Sekunden Starre klar geworden war, was gerade passiert ist, sind sie weggerannt ohne zu antworten. Zuerst der Anführer der Bande, die anderen hinterher. Schwach finde ich nur die Leistung von dem Mann und den Fahrern. Die hätten locker anhalten können, um die Schmeißfliegen zu vertreiben. Diese krankhafte Konfliktvermeidung der Japaner halte ich für eine der größten Schwächen und nicht für eine Stärke. Harmonie ist nicht, wenn ein Kind überfahren wird. In Deutschland hätte sich jeder Rentner vor Freude die Hände gerieben, einen Grund zu haben, ein paar kleine Hosenmatze mal so richtig zur Sau machen zu dürfen.
Ein sehr interessantes Spiel, das nach lokalen nur in Nagoya gespielt wird.