Japan-Tagebuch 29.12.2018

29.12.2018
Ich spüre, wie dort, wo bedingungslose Hingabe und Liebe war, Hass, Wut und Abneigung den Platz einnimmt. Ich hoffe, es ist nicht zu spät, sollte sich Nina am siebten für mich entscheiden. Letzten Endes bin ich vielleicht derjenige, der dann nicht mehr mit ihr zusammen sein will.
Selbst wenn mir gerade dunkel ums Herz wird, weiß ich genau, wenn ich nur lange genug daran arbeite, werde ich Nina geben können, was sie verdient hat und mehr. Schlechte Gefühle kommen und gehen. Nur gute Gefühle bleiben und sind immer da. Sie werden nur von den schlechten überdeckt, bis sie hinweggespült werden.
Wenn das mit Nina am siebten nix wird, wird es einige Jahre benötigen, bis ich ein Mädchen wieder „Meine geliebte...“ nennen kann. Allein, um Nina gegenüber aufrichtig und ehrlich meine Liebe aussprechen zu können, hat es mich zwei Jahre und einen Riesenfehler gekostet.
Eine Beziehung bedeutet auch Arbeit, doch wie Etienne Garde in seinem Tweet über die Eintracht schon gesagt hat: „An Beziehungen muss man arbeiten und man wird belohnt werden.“ Dabei liegen mir ständig die melancholischen Klänge der ehemaligen UDSSR Band Kino in den Ohren: „Das Leben ist den Tod wert und auf Liebe lohnt es sich zu warten.” ~ Kino (Wiktor Zoi). Hätte ich mir die Lyrics nur schon früher einmal angeschaut.

Ich habe mir überlegt, ich sollte nicht ständig über den ganzen Tag verteilt in mein Tagebuch schreiben. Sicher liest sich das oft zusammenhangslos und seltsam. Als ich einen Absatz zuvor, am Bahnhof, meine dunklen Gedanken niederschrieb, ging es mir wesentlich schlechter als jetzt. Im Augenblick sitze ich mit heißem Kaffee in einem süßen, rustikalen Café am Hafen von Nagoya. Wenn ich auf Reisen bin, habe ich meinen Laptop nicht parat und schreibe alles per Hand in meinen Block. Ich kann es kaum erwarten, es abzutippen, falls ich meine eigene Schrift später noch entziffern kann.

Als ich vor wenigen Tagen mit meiner geliebten Frau Mama Video-telefoniert habe, ist mir zum ersten Mal aufgefallen, wie sie älter geworden ist. Ich erinnere mich noch daran, wie sie dasselbe über ihre Mutter gesagt hat. Damals war ich noch ein Kind und hab nicht wirklich verstanden, was sie meinte. Omas sind und waren in meiner Vorstellung schon immer so alt. Doch langsam zeichnen sich auch im Gesicht meiner Mutter die Züge einer Großmama ab. Ich schätze, so ist der Lauf der Dinge. Meine Mutter wird eine richtige Bilderbuch-Omi werden. Ich spreche für meine Mutter und meinen lieben Vater, wenn ich davon rede, dass beide ein hartes Leben verbindet. Ein Leben, das selbst ganze Bücher füllen könnte und es sicher auch mehr verdient hätte, niedergeschrieben zu werden, als meine „Leiden des jungen Lukas“ hier. Wenn man sich die Zeit nimmt, ihre Gesichter zu betrachten, kann man ihnen das ganze Leben von der Stirn, den Augen und den Wangen ablesen. Mit all seinen Höhen und Tiefen. Das Leben ist hart und der Zahn der Zeit lässt so manch liebliches Gemüt bitter werden, so scheint es mir. Umso mehr erstaunt es mich, dass meine lieben Eltern sich immer eine Herzlichkeit bewahrt haben, die ihnen niemand absprechen kann. Das Leben hat sie hart und weich zugleich gemacht und in ihren Augen liegt ein Schatz vergraben. Ein Schatz, den sie mit jedem teilen, der ihnen gegenübersteht. Man muss ihn nur finden wollen. Ich freue mich, „Sohn“ dieser Wesen genannt zu werden und hoffe für meinen lieben Bruder und mich mit gleicher Kraft und Liebe durch das Leben gehen zu können. Ich liebe meine Eltern sehr. So sehr, dass sich Tränen in meinen Augen sammeln, denke ich daran. Doch ich werde in diesem Café keine Tränen vergießen. Dafür habe ich zu wenig bestellt.

Der Tag neigt sich dem Ende zu und wieder finde ich mich in einem Café wieder. Bin aber nicht mehr am Hafen. Dieses Mal sitze ich im Café unter meinem Hostel. Es ist, als ob ich meine dunklen Gefühle bei meinem Hafenbesuch zurückgelassen und auf eine lange Reise geschickt habe. Hoffentlich eine Reise ohne Wiederkehr. Im Hafen habe ich unter anderem den Eisbrecher namens Fuji besichtigt. In den 60er Jahren hat er in der Antarktis sein Unwesen getrieben. Jetzt ist er ein Museum. Ein eindrucksvoller Stahlkoloss. Wie gerne hätte ich mich Teil der Crew genannt. Was für ein Abenteuer. Hängematten für jeden, der sich normaler Matrose schimpft. Das waren unmögliche Schlafplätze, die bei Wind und Wetter hin und her schwangen. Rings herum kalter Stahl im unendlichem Blau oder umgeben von Pack-Eis eines unwirklichen Kontinents. Es gibt keine Rettung, keinen Plan B. Man selbst ist Plan A und B. Eine Mannschaft aus zwei Dutzend Individuen, die zu einem gut funktionierenden Organ werden müssen. Und egal, wie anstrengend oder entbehrungsreich die lange Fahrt fern der Heimat, fern der Geliebten auch sein mag, im hohen Alter blickt sicher ein jeder von ihnen mit warmem Herzen zurück. Nur wenigen ist so ein Abenteuer vergönnt. Auf so einer Reise muss man sicher gut improvisieren können, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Eine Gabe, über die ich zu verfügen glaube.
Als ich heute das Hostel verließ und durch den starken Schneefall ein Lächeln ins Gesicht gezaubert bekam, musste ich leider feststellen, dass mein rechter Schuh ein Leck hatte. Die Sohle an der Spitze hatte sich von ihrer Umrandung gelöst. Nach 15 Minuten laufen hatte sich meine dicke Wollsocke dermaßen mit eiskaltem Straßenwassersiff vollgesaugt, dass ich das Gefühl hatte einen versifften Schwamm als Schuh zu tragen. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, neue Schuhe zu kaufen, doch musste dann an meinen alten Hausmeisterkollegen Andy denken. Der schwört auf Sekundenkleber als Allheilmittel „[…] außer bei Husten […]“ und hat seinen Schuhen schon mehr als nur einmal neues Leben geschenkt, indem er sie wieder zusammengeklebt hatte, zum Ärger seiner Freundin. Sie wünscht sich, dass er ein etwas glamouröseres Leben führte. Nein, nicht unser Andy.
Ich ging also in den nächsten Konbini und schon hatte ich nach etwas Suchen Sekundenkleber gefunden. Wie die low-budget Version von MacGyver habe ich mich gefühlt, als ich auf einer Bahnhoftoilette meinen Schuh sorgfältig mit Sekundenkleber abdichtete. Dabei sah ich wahrscheinlich eher aus wie ein crackhead, der sich zwischen seine Zähen spritzen möchte. Aber was soll ich sagen, Leute?! Es funktioniert herrlich! So habe ich statt 4.000 Yen für neue Schuhe, nur 400 Yen für Sekundenkleber ausgegeben! Ich spreche hiermit meine Empfehlung aus. Ich bin mir sicher, beim Flugzeugbau könnte man mit dieser Methode Unsummen an Geld einsparen. Ohne Scheiß, wenn man immer etwas Sekundenkleber dabei hat, ist das wie eine kleine Superkraft. Die Superkraft, Dinge aneinander haften lassen zu können.


Jetzt verfüge ich schon über zwei Superkräfte. Meine erste ist aber wesentlich weniger spektakulär: Im Einkaufszentrum schaffe ich es immer, die langsamste Schlange zu finden, selbst wenn es die kürzeste ist. Wirklich, das hat nichts mehr mit Zufall zu tun. Eine wirklich nützliche Superkraft hingegen sind IT-Skills. Man bekommt alle Filme, Spiele, Software umsonst und kann lästige PC-Probleme lösen. Meine IT-Skills reichen jedoch gerade so für Mods und AD-Block aus und für das Löschen meines Verlaufes.

Nagoya erschien mir angenehm leer.