30.12.2018
Bin gerade in der Bahn. Ich fahre über eine selbst zusammengestellte Route durch die Berge zurück nach Osaka. Es geht über Kameyama und Kamo nach Nara mit der Bimmelbahn. Habe extra diese Route ausgewählt, weil ich längere Bahnfahrten liebe und der Fancy Shinkansen ‘n bissl zu fancy und teuer ist. Auf dieser Strecke zahle ich weniger und bekomme für meinen Geschmack sogar mehr. Es ist herrlich, in einer kleinen Bimmelbahn durch die Berge Japans zu tuckern. Ich habe sogar Schnee gesehen. In Nara angekommen, möchte ich mir die Beine vertreten bevor ich wieder in meinen Kerker einkehre. Die Koreanerin aus dem Hostel war übrigens sehr traurig, mich gehen zu lassen. Zum Abschied schenkte sie mir ihr ein koreanisches Buch mit Gedichtsammlungen.
Habe wieder einmal schlecht von Nina und ihrem Freund geträumt. In meinen Träumen war er ein 19-jähriger Bub, dem ich in jeder Hinsicht überlegen war. Trotzdem blieb sie bei ihm. Ich verstehe Nina nicht. Wie kann sie mit ihm Sex haben und am nächsten Tag ohne Gewissensbisse in dem Bett einschlafen, das wir uns die letzten zwei Jahre geteilt haben? Wie kann sie durch die Straßen gehen, durch die wir Hand in Hand schritten, und im nächsten Augenblick jemand andern mit Hingabe küssen? Sicher hat sie gelitten, nachdem ich Schluss gemacht habe, ich ja auch. Tage danach hat sie mir noch geschrieben, wollte sich kümmern. Ich war derjenige, der sie weggestoßen hatte und ihr schrieb, ich zitiere WhatsApp: “Gib den ganzen mehr Zeit. Du kommst sicher über weg.” Sie schrieb: “Dann hoffst du nur, dass ich einen guten jemand finde.” Ich darauf: “Nein, ich hoffe einfach nur, dass du auch ohne mich glücklich sein kannst. Wie du das machst, ist deine Entscheidung.” und so weiter ... Was ein Bullshit ich geschrieben habe. Ich habe mir ‘ne Knarre ins Gesicht gehalten und abgedrückt. Wie man in den Wald hinein ruft ... und trotzdem flüstert mir mein Ego Lügen ins Ohr und sagt mir, dass ich das Opfer bin.
Wie kann sie aber all das Beschriebene tun und mir dann sagen, dass sie mich immer noch liebt!? Da stimmt doch was nicht. Ich will Nina keine Lügnerin nennen, denn das ist sie nicht. Es muss ihre natürliche Unbekümmertheit sein, die sie zu solchen Aussagen bewegt. Unbekümmertheit, von der ich etwas bräuchte, so wie ihr ein wenig meiner nicht enden wollenden Nachdenklichkeit guttun würde. Auch wenn ihre unbekümmerte Art hilft, unbeschwert durchs Leben zu kommen, hilft es sicher nicht der Künstlerin in ihr, die den Konflikt und die Reflexion darüber braucht, um zu erschaffen. Wir ergänzen uns quasi. Und ich befürchte, ich gehe an meinem Wesen noch zugrunde, wenn ich ohne das Gegengewicht, ohne sie, bleibe. Jing und Jang, Nina und Lukas, Mann und Frau, Dumm und Dümmer. Wir gehören zusammen, auch wenn ich momentan alles andere als optimistisch gestimmt bin, werde ich das Gefühl nicht los, dass wir uns irgendwann wieder in den Armen liegen werden. Wer weiß das schon? Die Zeit soll mich Lügen strafen oder mir recht geben.
Bin jetzt in Nara, sitze hier im Park auf
‘ner Bank, mit ‘ner Kippe im Maul. Das sind besondere Fluppen. Die hat mir ein Freund aus Deutschland mitgegeben. Niels hat mir
‘ne ganze Schachtel selbstgedreht, weil er weiß, dass ich die am liebsten mag. Der Park ist wunderschön. Die Rehe laufen umher, die Sonne lächelt und trotzdem ist für mich hier alles grau und ohne Freude. Es ist Nina, die
mir fehlt. Als ich vorhin in der Bahn saß, war ich von Pärchen quasi umzingelt. Es gab Zeiten, vor drei Jahren, vor Nina, da hätte ich all diesen glücklichen Menschen die Pest an den Hals gewünscht. Heute freue ich mich für Menschen, die ihr Glück gefunden
haben und festhalten. Bei aller Nächstenliebe quält es mich natürlich gleichermaßen zu sehen, was hätte sein können und was gewesen ist. Aber ich nehme
jetzt das Glück anderer nicht mehr als mein persönliches Pech wahr. Der Neid weicht Verständnis. Als ich die Pärchen so sah, habe ich mich stark erinnert gefühlt an unseren gemeinsamen Urlaub in Korea. Auf einer längeren Bahnfahrt
von der Küste zurück nach Seoul ist Nina neben mir eingeschlafen und hat sich an mich gekuschelt. In diesem Augenblick habe ich mich wie der glücklichste Mensch der Welt gefühlt und war stolz wie Bolle, so eine Freundin zu
haben. Ich liebe Nina sehr.
Nun ja, Zeit für mich, in meine Gruft zurückzukehren und auf meinem Klavier leise, traurige Musik zu spielen. Fettes Danke
an Niels und Selena an dieser Stelle. Die Kippen (für jeden Monat eine) sind echt super
tight gedreht und brennen lange. Mit Liebe gedreht schmeckt‘s
immer noch am besten.
Bin jetzt in Osaka angekommen. Diese schlechten und verdorbenen Gefühle, die ich in Nagoya auf die Reise geschickt habe, sie haben in Osaka auf mich gewartet.
Vor mir liegt eine dunkle Nacht.
Der Zug rollt - nach Nagoya.