Japan-Tagebuch 31.12.2018

31.12.2018

Der letzte Tag des neuen Jahres. Gestern bin ich schwach geworden und habe Nina geschrieben. Ich berichtete ihr von meiner dreitägigen Reise nach Nagoya, davon, wie ich versucht habe, auf andere Gedanken zu kommen, dass ich dabei ausgerechnet eine Koreanerin getroffen und ein koreanisches Buch von ihr geschenkt bekommen habe. Aus irgendeinem Grund schickte ich Fotos mit, auch eines von dem Buch. Hätte ich lassen sollen. Nina hat´s gelesen, aber nicht geantwortet. Jetzt habe ich also schon den „Ignorieren-Status“ bei ihr erreicht. Das Wichtigste an diesem Punkt ist, den Kontakt erst einmal sein zu lassen. Wenn sie mir nicht von selbst schreibt, ist eh alles verloren. Sie zu drängen, macht keinen Sinn. Schade, ich hatte mir so einen netten Neujahrsgruß ausgedacht. Ich muss warten, still sitzen und mich in Geduld üben bis sie sich am Siebten hoffentlich meldet.

Es ist verrückt, wie das Schicksal so spielt. Gestern Nacht, als ich in der Monorail das letzte Stück zu meiner Endstation fuhr, stieg ein sehr hübsches Mädchen ein. Beim Einsteigen bemerkte sie meinen deprimierten Blick. Als sich unsere Blicke kreuzten, erwiderte sie mit einem dummen Blick ihrerseits, fügte aber ein gutgemeintes Lächeln hinzu. Ich war verdutzt und erfreut zugleich. Es war das erste Mal in drei Monaten, dass mir ein Japaner in der Bahn in die Augen geschaut hat. Sie saß mir gegenüber, als sich der Waggon langsam leerte, während ich versuchte so cool wie möglich auszusehen. Zwecklos, denn sie steckte ihre Nase in ein Buch und schenkte mir keine weitere Aufmerksamkeit. Kurz vor der letzten Station sprach ich sie dann an. Ich wollte mich für den netten Blick bedanken. Wie verzweifelte ich gewesen sein muss …. Aber sie hörte mich nicht, wegen ihrer Knöpfe in den Ohren. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich das aber noch nicht, weil die Knöpfe unter ihrem Haar nicht zu sehen waren. Ich dachte „Schade, doch nur eine Japanerin, die einen lieber ignoriert.“ Unser Abteil war indessen komplett leer, als wir an der Endstation ankamen. Nur sie und ich. Ich stand als erster auf, um zur Tür zu gehen. Es war in diesem Augenblick als sich der Plüsch-Igel an meinem Rucksack von seiner Verankerung löste und von mir unbemerkt zu Boden fiel. Ich war schon auf der Rolltreppe, als sie mir hinterher rief. So kamen wir ins Gespräch. Wir stellten fest, dass wir einander schon gesehen hatten. Vor einigen Wochen haben wir uns am deutsch/japanisch Stammtisch getroffen. Sie hatte ein Semester in München studiert. Wir unterhielten uns jedoch auf Japanisch. Ihr Deutsch hat seit München viel gelitten. Sie wohnt auch auf dem Campus. Wir sind quasi Nachbarn. Zu Hause angekommen, habe ich ihren Kontakt in der Stammtischgruppe gesucht und gefunden. Ich schrieb ihr nochmal, um mich für den Igel zu bedanken. Sie fragte mich daraufhin, ob wir zusammen „Hatsumōde“ machen wollen (der erste Schrein Besuch des neuen Jahres). Natürlich habe ich zugesagt. Wir haben uns für den Achten verabredet. Ich glaube, noch ist es kein richtiges Date oder so, aber es hat sicherlich Potenzial.

Potenzial, das sofort jegliche Bedeutung verliert, sollte Nina zu mir zurück wollen.

Ich tue Nina unrecht mit meinen dunklen Gedanken, die mich in Nagoya gequält haben. Ich kann nicht wissen, was sie durchgemacht hat, seitdem wir nicht mehr zusammen sind. Sie ist kein selbstgerechtes Mädchen, dass nur ihre Vorteile im Sinn hat. Sie ist alles andere als der kleine, hässliche, einsame, verkümmerte Lukas mir glauben machen möchte. Ich liebe Nina und vertraue ihr. Natürlich macht sie auch Fehler. Vielleicht ist es ihr großer Fehler, nicht zu mir zurückzukommen, doch wenn es so ist, ist es o.k. Schließlich können sich solche „Fehler“ im Nachhinein, in der Gesamtbetrachtung des Lebens durchaus als das Richtige erweisen. Die Grenzen zwischen falschen und richtigen Entscheidungen verschwimmen im Angesicht des gesamten Lebens. Jede Entscheidung, richtig oder falsch, birgt fast genauso viele neue Möglichkeiten, wie es Sterne am Himmel gibt. Doch die Sternemetapher zieht nicht wirklich hier in Osaka. Die Stadt blendet fast alle Sterne aus, hier kann man Satelliten und Flugzeuge zählen. Alles wird gut.

War gerade joggen und habe für mich einen Entschluss gefasst. Bis heute habe ich immer mit einer sehr nihilistischen Einstellung gelebt. Nichts hat für mich den kleinsten Sinn ergeben. Alles ist bestimmt durch empathielosen Zufall. Das mag stimmen oder falsch sein, es spielt keine Rolle. Teil dieses Denkens ist es, losgelöst zu sein von dem Anspruch, die Wahrheit zu kennen. Wahrheit als solche scheint dem Menschen sowieso nicht zugänglich zu sein, jeder hat seine eigene. Doch gleichzeitig ist das eine einzigartige Gabe, die dem Mensch da in die Wiege gelegt wurde. Jeder kann sich seine eigene Wahrheit aussuchen. Ich habe mich heute dazu entschlossen, meiner Selbstkasteiung durch meine nihilistischen Ansichten ein Ende zu bereiten und an Schicksal zu glauben. Ab heute soll alles für mich einen Sinn haben, den ich zwangsläufig gar nicht begreifen muss. Ich kann und will nicht mehr gegen diese Gedanken ankämpfen, die stets all das diskreditiert, was einen Ausweg aus meiner mentalen Sackgasse sein könnte. Wozu auch? Das Leben ist hart genug und wenn es mir erträglicher wird, ohne dabei jemandem zu schaden, ist es nur gut so.

Das einzige Problem, das ich mit dem ganzen Schicksalsgedanken habe: Immer wenn ich denke, dass die Dinge schon ihre Richtigkeit haben und alles gut werden wird, fühle ich mich wie der größte Heuchler. Ich denke an das unterernährte afrikanische Kind mit Hungerbauch, das mich begleitet, seitdem ich als kleiner Bub herausgefunden habe, wie man den Fernseher einschält. Bis heute verfolgt mich das Kind auf Plakaten und in Form von Fundraisern. Wie kann man im Angesicht des ewigen Leids der Welt sagen, dass alles einen Sinn hat, ohne dabei selbst zum größten Zyniker zu werden?

Der Schicksalsgedanke kam wieder in mir auf, als ich das besagte Mädchen in der Bahn traf und sie mir meinen Igel zurückgab. Es könnte sein, dass in ihrem Blick der Beginn einer tollen Freundschaft liegt. Sollte Nina mich wieder in ihr Herz lassen, kann ich mich natürlich nicht mit dem Igel-Mädchen treffen. Es wäre ein guter Test, um zu beweisen, dass meine Worte auch von Gewicht sind und nicht nur bloße Ausbrüche von Emotionen sind, die weder Hand noch Fuß haben. Es kommt, wie es kommen muss, ich werde mich beugen. Zurzeit sage ich mir „Wenn Nina sich gegen mich entscheidet, ist sie diejenige, die einen Fehler gemacht hat.“ Egal, wie Nina entscheidet, auf lange Sicht kann es keine falsche oder richtige Entscheidung geben. Jede Entscheidung trägt den Keim unzähliger Möglichkeiten in sich. Wer weiß schon, was die Zeit bringt, was das nächste Jahr bringt, was der morgige Tag bringt.

Frohes Neues und guten Rutsch! Bildergalerie

Die letzten Sonnenstrahlen des alten Jahres.