Japan-Tagebuch 03.01.2019

2019.01.03

Schon der dritte Tag des neuen Jahres vorbei. Herrlich! Gestern war ein weiterer, recht passabler Tag. Die Sonne schien so schön, dass ich quasi gar nicht anders konnte, als rauszugehen und mir meine Dosis Vitamin D abzuholen. Diesmal lief ich aber nicht ganz planlos drauflos, weil ich um Acht bei ‘nem Kumpel ‘nen Film schauen wollte. Ich habe mir auf Google Maps einen Schrein herausgesucht, mir den Weg per Kopf-Navi zeigen lassen und gemerkt. Tatsächlich habe ich den Schrein dann auch gefunden. Abseits der Hauptstraßen ging eine etwas verwahrloste Straße den Berg hinauf in einen Wald hinein. Nach einem kurzen Spaziergang führte eine Steintreppe mit vielen Stufen den Berg hinauf. Am Ende war eine Lichtung, in dessen Mitte sich der Schrein gen Himmel reckte. Durch das geschwungene Dach wirkte er größer, als er war. Zur Linken des Schreins war eine Gruppe älterer Herren, die Getränke und Knabbersnacks an die Gäste verteilten, alles noch im Namen des neuen Jahres. Ich ging auf die Gruppe von alten Herren zu. Sie standen um eine brennende Tonne herum und verteilten Sake und Imbisse an die ankommenden Gäste. Ich sprach einen von ihnen an. Ich bat ihn auf höflichstem Japanisch darum, mir doch bitte zu zeigen, wie man richtig betet. Mit großer Freude zeigte er mir die Abläufe, so, wie er sie kannte: Vor den Schrein treten, zweimal verbeugen, zweimal klatschen (ich meine mich zu erinnern, dass man nur bei schintōistischen Schreinen klatscht, nicht bei buddhistischen), noch einmal verbeugen, an den Kasten für das Geld herantreten und alles noch einmal wiederholen. Geld in den Kasten werfen, die Glocke läuten, seinen Wunsch tätigen (im Gebet) verbeugen und zurücktreten. Ich tat es ihm gleich. Da die älteren Herren merkten, dass ich ein wenig Japanisch zu verstehen vermochte, luden sie mich ein, einen Platz neben ihnen, am wärmendem Tonnenfeuer, einzunehmen. Dort angekommen bekam ich sofort einen Becher Sake in die Hand gedrückt, voll bis zum Rand.

Es wurde viel geschwatzt und als sie herausgefunden hatten, dass ich Deutscher bin, bekam ich zum Sake gleich noch eine Dose Bier in die noch freie Hand gedrückt. Als ich meinen Sake geleert hatte, dauerte es nicht lange, bis mir mit vorauseilender Höflichkeit ein weiterer, voller Becher gereicht wurde. Ich hatte den Eindruck, einen jungen Ausländer wie mich betrunken zu machen, hat den alten Herren ein besonderes Vergnügen bereitet. Damit habe ich kein Problem, zudem wäre es unhöflich gewesen abzulehnen und der Sake war sehr gut. Der Alkohol lockert die Zunge, ganz egal in welcher Sprache. Stellenweise sprach ich mit Neuankömmlingen am Schrein, als wäre ich ein fester Teil der Gruppe von alten Männern und fing selbst an zu begrüßen, Snacks zu verteilen und Alkohol auszuschenken. Nach etwa einer Stunde verabschiedete ich mich mit derselben Höflichkeit, mit der ich empfangen wurde und einem breiten wie zufriedenen Lächeln auf den Lippen.



Ich beschloss, der Straße noch etwas bergauf zu folgen. Ich war recht angesäuselt und voller guter Dinge. Die Straße endete wenig später in einer Sackgasse und ging als kleiner, ausgetretener Pfad in die waldigen Berge über. Natürlich musste ich wissen, wo dieser Weg endet, denn es widerstrebt mir, denselben Weg auf dem Rückweg ein zweites Mal zu laufen. Der Pfad entpuppte sich als wunderschöner Wanderweg, entlang auf dem Rücken des Berges. Von Stürmen gezeichnete Bäume säumten den Weg. Ihr Anblick hatte etwas Magisches, da ihre Äste von der unsichtbaren Macht des Windes in seltsame Richtungen gebogen wurden. Hohes Gebüsch füllte den Raum zwischen den Stämmen, doch ab und zu gab es eine Lücke. Dort offenbarte sich dann eine tolle Aussicht auf die Stadt zu meiner Rechten oder ein Blick auf die naturbelassenen Berge zu meiner Linken. Voller Begeisterung flog ich förmlich über das weiche Laub und genoss die letzten warmen Strahlen der untergehenden Sonne. Hier und da machte ich eine kleine Pause, schloss die Augen und ging in mich. Dann und wann gönnte mir ‘ne Fluppe, während meine Augen den Verlauf der untergehenden Sonne verfolgten. Einige Zeit später erreichte ich das Ende des Weges an einem zugewucherten Parkplatz. Nachdem ich die weiterführende Straße neben dem Parkplatz auf und ab gelaufen war, musste ich feststellen, dass ich an einem Elektrizitätswerk in den Bergen angelangt war. Eine Brücke, die eine wundervolle Aussicht über Osaka bot, verriet mir, wo ich war. Vielleicht nur zwei Kilometer Luftlinie von der Brücke entfernt befand sich meine Uni. Ich war auf genau der Brücke, die ich schon oft beim Joggen aus der Ferne in den Bergen gesehen hatte. Schon immer wollte ich dort hinauf, doch ich wusste nicht, wie. Und jetzt, wo ich es aufgegeben hatte, den Weg zu finden, habe ich ihn entdeckt, ohne es zu merken. Daraus könnte man eine schöne Parabel ziehen. Die Brücke war jedoch eine Sackgasse. Daraus ziehe ich lieber keine Parabel. Ein Ende der Straße führt über die Brücke zum Kraftwerk, das andere zu einer stark befahrenen Autobahn. In der Mitte liegt der Parkplatz, an dem ich angekommen war. Bevor die Sonne verschwand, musste ich schleunigst zurück, denn der Weg durch die Berge ist nicht ohne Gefahr. An mancher Stelle hatte man kaum genug Platz, sich umzudrehen, während man an einem steilen Abhang entlang tapsen musste, um nicht den Halt zu verlieren. Ich dachte mir: „Sollte ich stürzen, stürze ich lieber am Tag, als in der Nacht.“ und begann, einen Zahn zuzulegen. Doch ganz gleich, ob Tag oder Nacht. Wäre ich an besagter Stelle abgerutscht und die vielen Meter den Berg hinabgestürzt, mich hätte sicher niemals jemand gefunden. Ein Handy mit Empfang hatte ich auch nicht bei mir, es wäre mein Ende gewesen. Doch seltsamerweise hat mir dieser Gedanke mehr gefallen, als dass er mit Angst gemacht hat. Es gab meiner Erkundungstour das Flair von einem echten Abenteuer, und das vermisse ich in meinem Leben. Weil es langsam echt dunkel wurde, fing ich an zu rennen. Ich war immer noch stark angetrunken, während ich über Stock und Stein hopste. Bevor die Sonne ihr letztes Licht verlor, hatte ich es tatsächlich noch geschafft, die Straße zu erreichen, über die ich gekommen war. Ich war durchgeschwitzt bis auf die Unterhose, aber nüchtern. Bildergalerie

Die netten Herren werden mir noch lange in Erinnerung bleiben.