Japan-Tagebuch 06.01.2019

06.01.2019


War beim Zahnarzt, alles cool. Wohl doch kein vergessener Weisheitszahn und auch kein Loch. Es ist nur so, dass mein Backenzahn mit
seinen Wurzeln etwas in meine Nasennebenhöhle vorgestoßen ist, wenn ich alles recht verstanden habe. Der ohnehin geringe Schmerz ist in den letzten Tagen schwächer geworden. Wird schon alles werden.




Emotional bin ich nach wie vor ziemlich aufgewühlt. Unglaublich, was ’ne Heulsuse ich bei Gelegenheit werde. Habe gestern einen super
Film von den Coen Brothers gesehen, „The ballad of buster scruggs“. Dabei handelt es sich um sechs großartige Kurzgeschichten. Meine liebste war gleich die
zweite. Es geht um einen jungen Cowboy (gespielt von James Franco), der eine Bank überfällt,
dabei überwältigt wird
und mit einem Strick um den Hals wieder aufwacht. Per Standgericht soll er an einem einsamen Baum in der Prärie gehängt werden. Indianer überfallen das Standgericht und töten alle,
außer den todgeweihten Cowboy. Ihn lassen sie
mit verbundenen Händen und Strick um den Hals zurück. Er wird schließlich in letzter Sekunde durch einen einsamen Cowboy gerettet,
der Kühe durch die Prärie treibt.



Das Gesetz holt unseren jungen Antihelden jedoch wieder ein. In der nächsten Stadt finden wir unseren Unglücksritter erneut, mit einem Strick um den Hals, auf einer öffentlichen Hinrichtung. Er sieht dem Ende seines Lebens gelassen entgegen, bis er in der Menschenmenge ein wunderschönes, junges Mädchen entdeckt. Ihre Augen treffen sich und beide lächeln. „Now that‘s a preatty girl.“, hört man ihn sagen. Man möchte meinen, er hat gefunden, wonach er vergebens in der Bank gesucht hatte. Doch bevor man diese Gedanken zusammenfügen kann, bekommt er einen Sack über den Kopf gestülpt, gefolgt von einem Knacken (? Bessers Wort?) und dem Aufraunen der Menge.




Nach dieser Kurzgeschichte musste ich erst
einmal eine Pause machen. Wie aus dem Nichts habe ich angefangen bitterlich zu weinen. Am Anfang konnte ich es mir selbst nicht erklären, doch wie es bei guten Geschichten der Fall ist, konnte ich mich selbst mit dem Protagonisten
identifizieren. Wie er, habe auch ich auf der Suche nach Glück den falschen Weg eingeschlagen. Erst der letzte Augenblick hat ihm, wie mir, verraten, wo
das Glück wirklich liegt.
Dann jedoch war es schon zu spät. Doch lieber mit solch einer Erkenntnis sterben, als ohne
diese zu leben. Das ist meine eigene Moral der Geschichte.




Nach der Heulerei geht’s einem wenigstens besser. Hätte aber auch nichts dagegen, nicht mehr so sensibel zu sein. Bin halt mit den
Nerven total am Ende. Beim Zahnarzt hätte ich auch jeden Augenblick anfangen können Tränen zu vergießen, wenn ich nicht schon trainiert darin wäre, meine Tränen in der Öffentlichkeit zurückzuhalten. Zuletzt habe ich heute Morgen geheult. Habe eine großartige
Analyse des Films „Logan“ auf dem Youtube Kanal „The Closer Look“ gesehen. Manchmal erwische ich mich sogar dabei, wie ich bei Werbung heulen möchte, in der ein Sonnenuntergang oder jegliche Art zwischenmenschlicher Zuneigung
zu sehen ist.




„Nun wird es Zeit.
Zeit, die Trauer hinter sich zu lassen!“ Das sage ich mir
immerzu, in der Hoffnung, mich selbst davon überzeugen zu können, indem ich es nur oft genug
repetiere. Ich habe hier lange genug gelitten. Es gibt leider auch nichts Unattraktiveres, als ein trauriger Tropf, der nur deprimiert ist und rumheult. So kann ich Nina niemals unter die
Augen treten.


Was mir an Freude fehlt, habe ich derzeit jedoch mit Muskelkraft kompensiert. Im Kontrast zu meinem Innenleben ist mein Körper tatsächlich
in Höchstform und auch mein Japanisch wird immer besser. Das GYM ist ein wundervoller Ort. Es hat schon
etwas Religiöses. Man könnte es mit einem Tempel vergleichen. Es gibt eine Gemeinschaft, die man dort immer wieder trifft. Man betet zu Chrom, dem Gott des Stahls, und huldigt ihm, indem
man die Kraft des eigenen Körpers zelebriert und ihm zum Opfer Gewichte stemmt. Es gibt sogar Heilige wie Arnold Schwarzenegger. Jeden im GYM verbindet eine gemeinsame, mentale Einstellung. Man bewundert und hilft einander,
lernt voneinander. Es ist herrlich! Hier in Japan verbeugt sich auch so mancher vor dem Eingang. Das verstärkt den spirituellen Charakter dieses Ortes.


Schade, als ich noch mit Nina zusammen war, wollte
sie immer eine Aktzeichnung von mir machen, die ich mir dann in mein Zimmer gehängt hätte.
(Nina ist ausgebildete Malerin.) Das wollten wir machen, und viele Kleinigkeiten, wie zusammen tanzen gehen oder am Wochenende kleine Trips zu zweit z unternehmen.
Alles Dinge, die ich verpasst habe. Und jetzt ist es zu
spät. Eine harte Lektion, die ich gelernt habe und hoffentlich im Gedächtnis behalten werde. Bildergalerie

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