Japan-Tagebuch 08.01.2019

08.01.2019

Im Grunde fristet jeder der Austauschstudenten hier ein trauriges Dasein. In den letzten drei Monaten haben sich so einige Pärchen gefunden. Doch es ist klar, dass nur die wenigsten auch nach ihrer Zeit hier ihre Beziehung fortführen werden. Was mich angeht, so weiß ich gar nicht, ob ich mich hier überhaupt verlieben möchte. Selbst wenn mein Herz wieder ganz wäre, das Ende meiner Zeit in Japan ist absehbar. Da fällt mir ein, das gleiche könnte man auch aufs Leben an sich übertragen. Doch bleiben wir im Rahmen dieses Jahres. Ich für meinen Teil kann es mir einfach nur schwerlich vorstellen, ein zweites Mal ein Mädchen am Flughafen zurückzulassen. Einmal im Leben reicht völlig aus. Eine Erfahrung, die mir jedoch fehlt, ist es, nach langer Zeit zurück in die Arme meiner Geliebten zu kehren. Ich denke, das wäre das Warten wert und eine Erfahrung, die ich unbedingt noch gemacht haben möchte.




Gestern ist ein Weihnachtspaket für mich aus Deutschland angekommen. Dank der
sinnbefreiten, japanischen Bürokratie hat es
mich etwa einen Monat zu spät erreicht. Ein paar der selbstgemachten Weihnachtskekse sahen etwas mitgenommen aus. Leider konnte ich nicht widerstehen und habe sie, entgegen meines natürlichen Überlebensinstinktes, trotzdem
gegessen. Jetzt ist mir schlecht und ich liege im Bett. Bei dem einen Keks war ich mir
wirklich nicht sicher, ob das schaumige Zeug darauf Glasur oder Schimmel war. Wahrscheinlich war es von beidem ein bisschen.



Um nochmal auf die japanische Bürokratie zurückzukommen. Niemand mag Bürokratie. Ich bin da keine Ausnahme, doch noch schlimmer wird es, wenn die Bürokratie sich selbst nicht ernst nimmt. Der Grund, warum ich das Paket erst so spät bekommen habe, war, weil meine Mutter nicht meinen Namen neben meine Briefkastennummer geschrieben hat. Der Dorm-Vater meinte „Hier in Japan ist man diesbezüglich sehr streng.“ Doch keine zwei Wochen davor schien Japan diesbezüglich nicht so streng zu sein. Damals habe ich ein Paket von meiner Mutter bekommen, das auf genau die gleiche Weise beschriftet war und es gab keine Probleme. Warum denn auch, neben der Nummer am Briefkasten steht auch der Name. Also wenn Bürokratie, dann doch bitte richtig und konsequent, sonst verliert das ganze Konzept an Glaubwürdigkeit.



Japaner lieben Papierkram, Formulare und Karten. Ganz besonders mögen sie es, ihren Namen hier und dort zu stempeln. Die haben ja den praktischen Stempel an Stelle einer Unterschrift und stempeln macht Spaß, das weiß jedes Kind. Hier gibt es für jeden Scheiß Papierkram bis zum Abwinken und ‘n Pflaster obendrauf, kein Scherz! Als ich hier eingezogen bin, habe ich von der lokalen Behörde neben den ganzen Broschüren und dem restlichen Papierkram noch ein Pflaster geschenkt bekommen. Sehr aufmerksam! Warum nicht gleich noch Klopapier und ‘n Fußabtreter? Dass Deutsche in der Welt als Vorreiter für Bürokratie gelten, kann ich mir nur dadurch erklären, dass sich zu wenig Menschen mit Japan auseinandergesetzt haben. Auch das allgemein bekannte Klischee „Deutsche sind nicht lustig.“ würde in Japan starke Konkurrenz finden. Zwar gibt es japanischen Humor und wie alles in Japan ist auch dieser in traditioneller Form vorhanden. Da wäre zum einen das Rakugo oder das allseits beliebte Manzai. Doch ist diese Art von Humor uns teilweise so unzugänglich wie dem Japaner die Ironie oder die politische Satire.





Auch wenn meine Gedanken noch sehr verbittert sind, mir geht es langsam besser. Langsam, ganz langsam bekomme
ich eine Ahnung davon, wie es sich wohl anfühlen muss, über Nina hinweg zu sein. Nur manchmal bekomme ich eben krasse Flashbacks. Sehr unvorteilhaft ist, dass ich mit Heimweh auch immer Nina verbinde. Es reicht aus, an einen
Ort in Frankfurt zu denken und sofort sehe ich mich dort mit ihr. Ich war am Wochenende beim Karaoke und ich sang für Nina. Ich sehe das seichte Licht des Mondes über meinem Bettlaken schimmern und ich denke, Nina liegt darunter.
Hat schon fast etwas von PTSD. Ich nenne es PTND „Post Traumatic Nina Disorder“.
Wird schon werden, muss ja, wa.



‘N Freund, der beim Frankfurter Flughafen arbeitet, hat mir übrigens verraten, dass die Zollstelle zurzeit gnadenlos überfordert ist. Die sind völlig unterbesetzt und die Feiertage haben eine noch größere Lücke hinterlassen. Mein Paket wird wohl noch etwas brauchen, bis es Nina erreicht.

Rakugo Schnupperkurs. Ein paar mutige Freiwillige probieren sich aus.