11.01.2019
Ein sehr trauriges Datum. Nach erneuten Albträumen war es wieder einmal ein beschissener Start in den Tag. Heute Morgen im Unterricht habe ich keinen klaren Gedanken zusammenbekommen. Ich musste immerzu an sie denken. Als ich es nicht länger ertragen konnte, bin ich einfach aufgestanden und habe den Klassenraum verlassen. Ich bin schnurstracks in mein Zimmer gegangen, habe mich ins W-LAN eingeloggt und WhatsApp entsperrt. Natürlich hatte Nina nichts geschrieben, doch das hat mich weder überrascht noch interessiert. Ich habe Nina geschrieben, dass wir telefonieren müssen und dass ich sie anrufen werde, wenn es bei ihr 12 Uhr ist.
Gerade mit Nina telefoniert. Ich habe sie anscheinend gerade
beim Aufstehen gestört, daneben lag ihr Freund. Er schläft noch und weil sie bei seinem Onkel übernachtet haben, konnte sie nicht nach dem Schlüssel fragen und
rausgehen. Am liebsten hätte sie mich ignoriert, daraus hat sie kein Geheimnis gemacht. Doch ich habe an ihre gute Seite appelliert und sie drum gebeten, mit mir nun ein allerletztes Gespräch
zu führen. Sie wisse ja nicht, was sie mir antue, wenn sie mir
dies verweigere. Dann ist sie wohl aufs Klo gegangen und hat dort meine Worte angehört. Es war ein sehr einseitiges Gespräch,
das sie mehr über sich ergehen lassen hat, als dass sie dran teilgenommen hätte. Ich habe einiges gesagt, darunter auch Mist. Ich wollte ihr durchaus ein schlechtes Gewissen einreden, das hat sie erkannt bevor ich es erkannt
habe und ich musste ihr recht geben, als sie das ansprach. Doch nicht alles sagte ich, um
des schlechten Gewissen willen. Wenn sie sich dabei schlecht gefühlt hat (so wie ich mich auch) dann spricht es ja für sich. Ich habe ihr gesagt, dass ich nicht mehr möchte, dass sie in meinem
Zimmer wohnt. Ich habe ihr gesagt, dass es mich verletzt hat, dass sie nach nicht
einmal zwei Monaten schon einen Ersatz für mich gefunden hat. Ich muss mir aber auch eingestehen, dass ich geirrt habe. Ich habe nachgeschaut. Nach unserem letzten Gespräch hat sie NICHT „Ich liebe dich auch noch...“
geschrieben, sondern „Ich liebte dich auch...“ geschrieben, „liebTE“! Die Vergangenheitsform hat mein blindes Herz einfach ignoriert. Ich habe gelesen, was ich lesen wollte, um meine Dämonen zu nähren, die von mir mehr und mehr Besitz ergreifen
und mich korrumpieren.
Leider hat sie mir überhaupt nichts über ihre Gefühlswelt gesagt. Diesen Raum muss mein Hirn jetzt selbst ausfüllen und der ekelhafte, giftige, kleine hässliche Lukas reibt sich schon die Hände, denn diese Lücke wird er füllen mit seiner verdorbenen Fantasie, die keine Liebe kennt. Doch das will ich ihm nicht gestatten.
Nina ist sehr bitter geworden, bitter und kalt. Im Februar will sie ausziehen. Ich habe sie darum gebeten, mir dann Bescheid zu geben. Meine Gedanken sind immer unklarer geworden und gegen Ende hatten meine Sätze keine klare Struktur mehr. Als ich dann noch nach einem versöhnlichen Schluss gesucht habe, hat es auf einmal getutet. Sie hat mich allem Anschein nach mitten im Satz einfach weggedrückt. Auf meine Nachfrage hat sie nicht mehr reagiert, sie hat sie bis jetzt nicht einmal gelesen, echt bitter. Schade, dass es auf so einer hässlichen Note endgültig enden musste. Kein Mensch, der wirklich glücklich oder zufrieden mit sich ist, verhält sich so. Ich empfinde Mitleid für Nina.
Wahrscheinlich war es genau die Schelle, die ich gebraucht habe, um wieder wach zu werden. Ich habe noch Gefühle für Nina, ganz ohne Zweifel. Liebe bedeutet für mich ein dauerhafter Zustand, der nicht kommt und geht. Es ist ein Zustand, der immer da ist, man muss ihn nur entdecken. In gewisser Weise hat mir Nina sogar das Gefühl zurückgegeben, lieben zu können. Das Lieben hatte ich aufgegeben und verloren geglaubt, nachdem meine ersten Erfahrungen in bitteren Enttäuschungen gemündet hatten. Für mich ist es nun aber Zeit, die Gefühle für Nina zu begraben, an einem schönen Ort, wo sie die Zeit sicher verwahrt. Ich frage mich, was für Schätze noch so vergraben liegen auf dieser Insel, die sich Japan schimpft.
Es ist nicht fair, nur meine Sicht der Dinge zu schildern, doch was bleibt mir anderes übrig. Wollte ich „fair“ sein, müsste ich schweigen. Und das wäre nun wirklich nicht fair.
Fühle mich wie ein Schatten an der Wand.