Japan-Tagebuch 31.12.2018

2019.01.13

Gerade eben aus dem Gym gekommen und mal wieder mit Boxen beendet. Meine Hände zittern noch. Ich habe heute meine Bandagen vergessen. Meine Knöchel der Faust sind aufgegangen, an genau der Stelle, an der ich bereits Narben habe. Es war vor fast fünf Jahren, als ich die kleinen, unscheinbaren Schnittnarben an meinen rechten Faustknöcheln bekam. Damals hatte ich auch einen Tiefpunkt meines Lebens erreicht. In diesem Jahr (ich muss 19 gewesen sein) habe ich unter enormen Anstrengungen und einem Jahr Wiederholung die Schule mit Abitur verlassen. Danach hatte mich meine Wunsch-Uni im letzten Ausschlussverfahren des Studiengangs „Film“ abgelehnt. Meine damalige Freundin hatte mit mir Schluss gemacht, weil ich noch nicht über meine Ex hinweg war. Zudem wurde sie von einem Freund umworben, von dem sie meinte, dass er besser zu ihr passe (tat er nicht). Ich Idiot habe sie damals sogar in der Entscheidung unterstützt, mit mir Schluss zu machen:„Wenn du denkst, dass es das Richtige ist ….“ Ich glaube insgeheim hatte ich damals die Hoffnung, dass irgendwann auch einmal jemand für mich eintreten wird, wenn es um „wahre Liebe geht“, denn ohne meinen Rat hätte sie ihrem Werber wahrscheinlich keine zweite Chance gegeben. Gern geschehen, du Lappen! Trotzdem hat der Idiot es dann verkackt.



Meine Ex-Exfreundin, über die ich noch nicht hinweg war, hat im selben Jahr jeglichen Kontakt zu mir abgebrochen. Ein großer Teil meiner damals kleinen Welt war die Sendung „Game One“. Zur selben Zeit hat das die Sendung produzierende Unternehmen aufgrund von Insolvenz seinen Betrieb eingestellt. Diese Sendung hat mich zwischenmenschlich wie auch bezüglich des Humors sehr geprägt. Mein Traum und das einzige, was mich dazu bewegt hat, Abitur zu machen, war die Vorstellung, später bei Game One zu arbeiten. In diesem Jahr ist beinahe jeder Stützpfeiler, auf dem meine kleine Welt aufbaute, zusammengebrochen. An einem Abend im Schrebergarten am Rand der Stadt auf einer Party habe ich mich mit Gras und Alk dermaßen abgeschossen, dass ich im Delirium auf der Suche nach meinem Tütenwein aus Wut eine Scheibe eingeschlagen habe. Viel Blut und Scherben, die in der Notaufnahme des Krankenhauses aus meiner Hand entfernt wurden. Doch weil Scherben bekanntlich Glück bringen, ist nichts weiter passiert. Die Narben sind geblieben und heute blute ich wieder aus ihnen. Das war ein verfluchter Abend. In derselben Nacht sind nach mir zwei weitere Freunde mit Verletzungen in das gleiche Krankenhaus gekommen, doch klingt das Ganze jetzt krasser, als es wirklich war. Im Laufe der Zeit ist der verhängnisvolle Abend langsam zu einer lustigen Anekdote geworden, die wir uns am Lagerfeuer erzählen. Ich, der Idiot mit dem zerbrochenen Fenster, das nie repariert wurde und noch heute im Garten zu finden sein sollte, mit einem Loch in Faustform. Timmy, der völlig besoffen versucht hatte eine Abkürzung über die Bahngleise zu nehmen, stürzte und sich seinen Brillenbügel ins Nasenbein rammte und Hannis, der es in Delirium irgendwie geschafft hatte sich mit einem Buttermesser dermaßen in den Finger zu schneiden, dass er für Wochen einen dicken Verband tragen musste, der zu unser aller Belustigung die unübersehbare Form eines fetten Pimmels hatte.




Nani hat mir übrigens nochmal geschrieben. „Nein! Mein Tarif war abgelaufen und hier habe ich sogar kein WLAN So war das plötzlich abgebrochen. Oh Mann!
Deswegen habe ich gesagt, am Sonntag besser ist.“ Ich zweifle nicht an Nanis Ehrlichkeit. Ich habe große Sorge, ihr mit meinen Gedanken, die ich hier festhalte,
Unrecht zu tun.



Erst jetzt wird mir klar, ich bin ein unzuverlässiger Erzähler! Wie sollte es auch anders ein, es handelt sich schließlich um ein Tagebuch. Als ich Nanis letzte Nachricht gelesen hatte, dachte ich kurz darüber nach, meine vorschnellen Schlussfolgerungen, die auch aus dem Telefonat mit ihr gezogen habe, aus dem Tagebuch zu löschen. Doch das wäre auf Kosten der Authentizität erfolgt. Es hätte meine verzerrte Wahreit, verzerrt ..., wie paradox. Früher oder später muss ich mich ohnehin mit der Frage auseinandersetzen, wie authentisch denn überhaupt dieses „Buch“, mein Tagebuch, sein kann, wenn ich dabei im Hinterkopf den Gedanken nicht loswerde, es irgendwann einmal veröffentlichen zu wollen. Ich weiß ehrlich gesagt auch gar nicht, wie ernst es mir damit ist. Dazu sei gesagt, schon immer, wenn ich etwas gedacht oder geschrieben habe, stellte ich mir vor, wie eine dritte Person meine Ergüsse lesen wird. Natürlich ist es nie so weit gekommen und das Ganze war mehr ein Spiel in meinem Kopf, das mich unterhalten hat. Doch ich hoffe, ich schaffe es dieses Mal die Schwelle zur Realität zu überschreiten. Zu lange habe ich mich nur in meiner Fantasie verwirklicht.




Nach meinem Liebesbrief ist mir Nani ferner, denn je. Für einen allwissenden Beobachter mag es Sinn ergeben. Er hat den Überblick
und weiß, wo es weitergeht, doch für mich ist es eine traurige Sackgasse, aus der ich nicht umkehren kann. Ich befürchte, ich habe sie nun auch als Freund oder sogar als
bloße Bekannte verloren. Alles dreht sich wie im Rausch. Die Welt bekommt Schlagseite, Augenlider werden schwach, die Balance geht verloren, die Füße verlieren den Boden. Ab hier übernimmt die Schwerkraft.
Erst langsam, dann schnell, dann stopp. Staub wirbelt auf und legt sich wieder. Ich bin müde und bleibe liegen. Bildergalerie

Die letzten Sonnenstrahlen des alten Jahres.