05.01.2019
Es ist seltsam, wie es sich mit den Gedanken verhält.
In den letzten Tagen dachte ich wirklich, ich komme langsam über Nina hinweg. Es hat mich sogar ein wenig der Gedanke aufgemuntert, neue Mädchen kennenzulernen, wie das Igel-Mädchen (heißt übrigens Sayaka) oder das Tempel-Mädchen. Doch seit ein paar Tagen drehen sich meine Gedanken wieder so selbstverständlich um Nina, wie die Erde um die Sonne. Diese Gedanken sind jedoch etwas nüchterner geworden.
Bis jetzt hatte ich es nie in Betracht gezogen, mich in Ninas Position zu versetzten. Mittlerweile habe ich mir auch eingestanden, dass ich derjenige war, der Schluss gemacht hat, auch, wenn Nina gesagt hat, dass wir beide es waren. Jetzt weiß ich, dass sie das nur tat, um mich etwas zu trösten. Wie das nun einmal so ist, gab es viele kleine Gründe, die alle zusammenhingen. Ich konnte ihr zum Beispiel nicht: „Ich liebe dich.“ sagen, weil das drei Worte mit viel Gewicht für mich sind und ich mir nie zu 100 % sicher war, ob ich diese auch so meine. Nina war meine erste richtige, richtige Beziehung, mit Sex und zusammenleben und so. Als wir zusammen waren, war mir schon klar, das ist ein Mädchen fürs Leben. Ironisch, dass genau aus diesem Gedanken der faule Keim unseres Schicksals wuchs. Sie war das zweite Mädchen, mit dem ich Sex hatte. Es klingt sicher wenig nachvollziehbar, doch ich dachte wirklich, ich muss mit mehr Mädchen geschlafen haben, bevor ich sterbe. Weil ich wusste, dass ein solcher Gedanke kindisch und dumm ist, wollte ich diesen Fehler in der Jugend begehen, dort wo solche Fehler hingehören. „Niemals könnte ich es mir verzeihen, einer von den Familienvätern zu werden, die in ihrer Midlife-Crisis meinen, ihre Jugend nicht ausgelebt zu haben und plötzlich bei anderen Frauen schlafen.“, sagte ich mir, als diese Gedanken das erste Mal in mir aufgekommen waren. Nina hatte ein paar mehr Männer geliebt, als ich Frauen. Ich kann nicht leugnen, dass dieser Umstand auch einen schlechten Einfluss auf mein armes Primatengehirn hatte. Zum Schluss ist unsere Partnerschaft an meiner Idee einer offenen Beziehung gescheitert. Versetzte ich mich jetzt in Nina, kann ich gut ihre bittere Enttäuschung verstehen und ich sehe die tiefen Narben, die ich auf ihrem Herzen hinterlassen habe. Ich weiß nicht, ob ich mir verzeihen könnte, wenn ich mich selbst durch Ninas Augen betrachtete. Doch ich bin nicht das Maß aller Dinge. Mir ist klar geworden, um Verzeihung zu bitten ist um so vieles einfacher, als zu vergeben.
Mit Glück spielt man nicht. Ich bin offensichtlich der Antagonist in dieser Geschichte, doch wie jeder böse Mensch habe auch ich meine Gründe. Die Häufung von Beerdigungen, denen ich beigewohnt habe, und die vielen Bekannten oder Verwandten, die meist an Krebs erkrankt sind, bestärkten mich in meinem Irrglauben. Ich dachte, ich muss aus dem Vollen schöpfen. In der Phase meines Lebens, in der ich mich befinde, bedeutet (Wahl der Zeit) das für mich, Erfahrungen mit anderen Frauen machen zu müssen, bevor ich es bereue und der Zahn der Zeit meinen jungen Körper zersetzt. Zu spät habe ich begriffen, dass jeder Tag an Ninas Seite mehr wiegt, als hundert Nächte in fremden Betten. Daran hätte auch der Pazifik nichts ausrichten können, der zwischen uns liegt. Solange sie und ich im Geist zusammen sind, wären wir es auch in der Welt der Dinge geblieben. Wenn ich so darüber nachdenke, vielleicht ist es gar nicht zu spät für meine Erkenntnis. Vielleicht ist es genau der richtige Zeitpunkt. Wann sonst, wenn nicht hier und jetzt, hätte ich meine Wahrheit finden können?
Die Opfer, die ich gebracht habe, um dieses Land zu studieren, sind es bis jetzt nicht wert gewesen. Mein Verlust ist in Geld nicht zu messen, also brauche ich auch kein schlechtes Gewissen zu haben, das Geld aus dem Stipendium anzunehmen.
Jetzt muss ich erstmals zum Zahnarzt. Dort, wo
einmal mein Weisheitszahn war, habe ich nun Schmerzen. Wenn ich darüber nachdenke, bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich alle Weisheitszähne gezogen bekommen habe. Wer weiß, vielleicht ist das auch ein gutes Omen. Mein letzter Backenzahn war gezogen und meine Backe gerade am Abschwellen, als ich vor
zwei Jahren Nina in der Rontunda der Goethe-Uni getroffen habe.
Millionen Dollar Idee:
Gerade beim Zahnarzt gewesen und meine kalt gewordenen Schuhe wieder angezogen. Japaner lieben Komfort. Meine Idee, ein
Schuhwärmer, der die Schuhe auf eine angenehme Temperatur aufheizt, während der Kunde bedient wird. In einem Land, in dem sogar die Klobrillen beheizt sind, dürfte das einschlagen
wie eine Bombe.
In Karaoke Bars kann man manchmal Kostüme ausleihen. War heut nicht in Feierlaune.