2019.01.10
Das Paket ist vorgestern in Frankfurt angekommen. Nina hat den Brief erhalten, es kann nicht anders sein. Nur von ihr gehört habe ich bis jetzt noch nichts.
Erst jetzt ist mir klar geworden, dass die Möglichkeit besteht, dass sie sich einfach überhaupt nicht melden wird. Gehofft habe ich natürlich, dass Nina so berührt von meinem Brief ist, dass sie sofort zu mir zurückkommt. Doch in erster Linie hatte ich einfach auf ein sachliches Gespräch gehofft, in dem sich jeder noch einmal aussprechen kann, um das Ganze auf einer würdevolleren Note enden zu lassen.
Mich macht der Gedanke WÜTEND, dass sie an diesen rumheulenden, immer traurigen Trauerkloß denkt, der alleine auf seiner
Scheißinsel hockt und unter sich selbst leidet. Nichts ist unattraktiver als so etwas.
In meiner Paranoia meine ich, genau zu wissen, was in ihrem Kopf vorgeht. Kein Lebenszeichen von Nina. Gestern habe ich kurz mit meiner Mutter telefoniert, die meinte, dass nicht alles im Paket sei und sie nicht wisse, ob da noch ein zweiter Brief gewesen ist. Nina hat das Paket geöffnet, sie muss ihn haben! Ich bin derzeit einfach viel zu geladen, um geduldig zu sein oder sachlich zu denken. Meine arme Frau Mama bekommt es dann immer ab, auch dieses Mal war ich zu ruppig zu ihr.
Gestern bin ich voller Vorfreude ins Gym gegangen, um mir den Frust von der Seele zu pumpen. Danach war ich aber geladener als jemals zuvor. Heute ist es nicht besser. Das erste Mal seit langer Zeit habe ich wieder sehr intensive Gewaltfantasien. Ich habe auch keinen Bock mehr, immer dieser nette Scheißkerl zu sein, der für alles und jeden Verständnis hat, verdammte Scheiße! Eigentlich müsste ich derzeit viel lernen, doch ich bekomme nichts, rein gar nichts hin. Heute auch wieder schön ‘ne Wiederholungsprüfung verkackt. Ich kann mich keinen Deut konzentrieren, laufe nur in meinem Zimmer auf und ab, wenn ich eigentlich lernen möchte. Ich fühle mich wie ein Gefangener in Isolationshaft. Wenn ich im Unterricht‘ne kleine Pinkelpause mache, boxe ich gegen die Wände im Klo und gib der Tür spontane Kopfnüsse, wenn keiner da ist. Ich habe hier echt das Gefühl, ich drehe langsam durch, werde verrückt! Gestern bin ich nach meiner Pinkelpause einfach nicht mehr in den Unterricht gegangen. Das tut mir dann immer leid für die Lehrer, denen ich nach dem Unterricht sage, dass ich derzeit gewisse Probleme habe, doch ich kann einfach unmöglich normal weitermachen. Es gibt Augenblicke, da sehne ich mich nach der Kneipenschlägerei von vor
zwei Jahren zurück. Ich habe auch keinen Bock mehr Verständnis für Nina und ihren kleinen Hurensohn von Freund zu haben. Ich mal mir aus, wie ich mit meiner Faust seine Fresse zertrümmere, wie sich seine Zähne in meine geballte Faust bohren, während ich ernsthaften Schaden anrichte. Ich stelle mir vor, wie meine Hand bricht, durch die Wucht des Aufpralls, wie er sich zur Wehr setzt, mich überwältigt und mir ordentliche Hiebe versetzt, wie ich dann mein Messer ziehe und es ihm in die Seite ramme. Wie ich ihm mit meiner Stirn die Nase breche und ihn beiße so fest ich kann, wo auch immer gerade mein Mund ist. Ich stelle mir vor, wie sich mein Messer in seinen Rippen verkeilt, dass es quietscht wie Kork, wenn ich daran rüttle, um es zu lösen. Ich stelle mir vor, wie wir ineinander verkeilt in Blut und Tränen versuchen einander das Leben aus dem Körper zu prügeln. Er drückt mir ein Auge aus, während ich das unbeschreiblich befriedigende Gefühl auslebe, ihn zu würgen. Ich beiße ihm ein Stück von seinem Scheißohr ab, kaue darauf herum.
Es hat die Konsistenz von Hühnerknorpel. Aus Versehen verschlucke ich einen Teil, bevor ich ihm den blutigen Rest in sein verzerrtes Gesicht spucke. Vielleicht hat er auch ein Messer oder er bekommt meines zu fassen. Ich male mir aus, wie er mich tödlich verletzt. Am liebsten eine Schnittwunde an meiner Halsschlagader und einen Stich in den Unterkiefer, so dass mein Mund voller warmes Blut läuft. Ich lasse von ihm ab, nicht weil ich möchte, sondern weil ich muss. Mich verlässt die Kraft, langsam werde ich schwach. Dann liege ich da, mit gebrochenen Knochen. Eine Hand an meiner Wunde am Hals und den Blick in den Himmel. Kalter, brauner Schneematsch schmilzt unter meinem Rücken. Meine Jacke saugt sich voll mit Blut und dreckigem Schnee. Mir ist schlecht, mir wird schwindelig und kalt, als das Adrenalin nachlässt und die Schmerzen in meinem Körper zurückkehren. Doch nicht für lange, denn ich sterbe. Keine coolen letzten Worte, nur gegurgelt und blutige Blasen tanzen in meinem Mund. Meine Haut, blass, meine Augen, glasige. Das ganze Leid der Erde, der Hass und die Wut verlassen meinen Körper in Form von rotem, warmem Blut. Es dampft, während es die Fugen zwischen den Pflastersteinen wie Lava ausfüllt.
Es fängt an zu schneien. Mein Leben zieht nicht vor meinen Augen vorbei, ich bin es leid. Ich liege einfach nur da und blute aus, mit offenen Augen gen Himmel.
Er müsste mit den Narben weiterleben, ich nicht, blödes Arschloch.
Ihr Freund kann sich ins Knie ficken und über Nina denke ich derzeit ganz ähnlich. Wie kann sie mir sagen, dass sie mich „auch noch liebt“ und dann von
mir erwarten, dass ich meine Gefühle ihr gegenüber zurückhalte und im Stillen ihr großes, neues Glück lobpreise. FICK DIE BEIDEN! Es ist, als ob die Liebe in mir durch Wut ersetzt wird. Manchmal spüre ich es brennen, in meiner Brust, wie Feuer. Ich möchte es freilassen, es ausbrechen lassen, doch es ist in mir gefangen. Nur durch die Zerstörung meines Körpers oder durch Gewalt, ausgeführt durch meinen Körper, kann ich sie freilassen, diese heiße Flamme, die einst Liebe gewesen sein muss. Sie ist zu einem verzehrenden Feuer geworden, das heiß und trotzdem kalt ist.
Darüber zu schreiben gibt mir gerade mehr Befreiung als 40 Minuten den Boxsack zu prügeln.
Ich weiß sehr wohl, dass ich bald anders denken werde. Mit Sicherheit werde ich mich schämen für diese kindischen, unreifen und egoistischen Gedanken.
Doch jetzt, in diesem Augenblick, ist es meine Realität und der Zukunfts-Lukas kann sich gerne auch ficken!
Wenn ich ihn nur zu fassen bekommen würde, ich würde die Scheiße aus ihm prügeln, allein aus Eifersucht dafür, dass es ihm besser geht als mir. Ist mir alles Scheiß egal gerade. Warum geben wir uns nicht einfach ALLE GEFICKT!
Der Umstand, in einem fremden Land zu sein, erschwert meine Situation ungemein. Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann sich vorstellen, wie verdammt wütend es einen machen kann, in dem engen Korsett einer Fremdsprache gefangen zu sein, die man nicht beherrscht wie seine eigene! Meine liebe Nachhilfelehrerin Hikari-san beweist immer größte Geduld mit mir. Sie ist generell sehr nett. Doch ich schaffe es leider nicht so gut wie Japaner, vor ihr meine fast immer schlechten Laune zu verbergen. Sie fragt oft, ob alles „Daiyoubu“ ist und erkundigt sich nach meinen Problemen. Doch befähigt mich mein Japanisch gerade mal dazu, grob meine Umstände zu schildern. Mich richtig mitzuteilen, wie ich es in Deutsch oder gar in Englisch vermag, kann ich hier nicht. Mehr und mehr wird mir Japanisch zuwider. Letztens kam ein japanischer Song in meiner Spotify-Playlist. Wie von der Wespe gestochen bin ich aufgesprungen, um diesen beschissenen Song aus der Liste zu schmeißen. An Tagen wie diesen habe ich das Gefühl, diese Sprache macht mich krank. Ich will keine Japaner mehr sehen oder Japanisch hören. Nicht einmal schreiben möchte ich Japanisch, obwohl mir das immer eine meiner liebsten Aufgaben war. Ich hoffe, diese Phase ist so kurz wie meine gute Laune.
Teilweise bin ich so durch, dass ich manchmal wirklich geistig abtrete. Es gab Momente im Unterricht, da blickte ich in Gedanken versunken ins Nichts und habe auf meinen eigenen Namen nicht mehr reagiert. Äußerst peinlich, mittlerweile dürfte jeder meiner Klassenkameraden bemerkt haben, dass mit miretwas nicht stimmt. Vielleicht ist mein Verhalten aber auch auf die Aufmerksamkeit zurückzuführen, nach der ich auf diese Weise suche. Andererseits bin ich zurzeit noch lieber allein als jemals zuvor. Ich glaube einfach, ich drehe langsam durch. Bei den kleinsten Problemen fange ich an, wüste Beschimpfungen auszustoßen. Es platzt einfach aus mir heraus. Erst im nächsten Augenblick bemerke ichschließlich, dass ich gerade die Kontrolle verloren habe. Dann stellt sich das Gefühl ein, mit Absicht laut geschrien zu haben. Doch das stimmt nicht. Ich verliere mehr und mehr die Kontrolle über meinen Körper und Geist. Vielleicht fühlt es sich so an, verrückt zu werden. Man merkt, dass es passiert, aber der entscheidende Augenblick entzieht sich der eigenen Wahrnehmung,
wie wenn man versuchte sich daran zu erinnern, wann man eingeschlafen ist und plötzlich träumt man. (????)
WhatsApp habe ich übrigens auf meinem Handy blockiert. Rede oder sehe ich meine Eltern, muss ich an Nina denken. Dasselbe gilt für meine Jungs und Mädels
dort. Ich brauche Abstand und der Pazifik reicht plötzlich nicht mehr aus! Zu oft habe ich die letzten Tage mein Handy in die Hand genommen, in der Hoffnung eine Nachricht von Nina verpasst zu haben.
Immerzu dachte ich, jetzt wird sie geschrieben haben, jetzt wird alles o.k. Diese Gedanken haben mich krankgemacht.
Damit ist jetzt Schluss. Wenn Nina mir geschrieben haben sollte, soll sie zur Hölle fahren mit ihrem Scheiß Fickschnitzel, und wenn sie mir nicht geschrieben hat, wird es auch nur den Hass in meiner Seele nähren. So oder so, der Hass wird siegen. Keine Ahnung, wann ich wieder reinschaue. Es macht mich fertig, nur daran zu denken, verdammte Scheiße. ES IST VORBEI! Das muss ich verstehen. Nichts mehr erwarten, nichts mehr!
Heute Nacht habe ich
mies geschlafen. Perverse Gedanken haben mich gequält. Manchmal befürchte ich,
so etwas wie eine schizophrene Persönlichkeitsstörung zu entwickeln. Die ekelhafteste Seite meiner Person hat mir die wüstesten Hasstiraden auf Nina laut vorgepredigt. Ich konnte
Traum und Realität nicht mehr unterscheiden. Die Stimme hörte nicht auf zu predigen, ich musste mir die Ohren zuhalten und habe geweint. Ich habe gebettelt, dass der Gedanke an Nina doch bitte aus meinem Hirn verschwinden möge! Ich habe mir geschworen, jedes Mittel recht zu finden, sowiefern es mir hilft. Ich befürchte, der Hass und der Neid hat der Wut und der mentalen Pestilenz Tür und Tor geöffnet. Hand in Hand
spazieren diese Gefühle durch meine Pforten in mein Herz. Die Geister, die ich rief. Jetzt möchte ich joggen gehen, bis mein verfluchtes Herz aufhört zu schlagen. Stehe ich danach noch,
ertränke ich meinen Körper im Onsen. "Alles wird gut werden!" Ein Ruf der Verzweiflung für Leute, die nichts verlieren können, außer die Hoffnung.
Joggen ist ein Wundermittel. Ich bin zwar nicht geheilt und mit der untergehenden Sonne kommt auch sicher der Wahnsinn wieder zurück, doch für den Augenblick
geht es mir gut. Sport ist generell eine tolle Sache. Macht man es lange genug, wird man danach regelrecht glücklich. Der Dopamin-Kick,
nach einer Runde Joggen bis zur Erschöpfung hat etwas von
postsuizidaler Euphorie.
Ich befürchte, mein Unterbewusstsein zieht einen grausigen Schluss:
Ich liebe Nina und ich kann sie nicht vergessen, also muss ich sie lernen zu hassen. Das wäre ein sehr trauriger Weg, den ich nicht einschlagen möchte.
Gerade zuckte es mir in den Fingern, WhatsApp wieder anzuschalten, um der Gewissheit willen. Doch Nina wird nicht geschrieben haben. Für sie ist das Thema erledigt und an diesen Gedanken sollte ich mich gewöhnen. Jedes Mal hatte ich dieselbe optimistische Hoffnung gehabt, doch sobald ich einen Blick aufs Handy warf, fiel ein dunkler Schatten über mein Gesicht. Das muss aufhören. Ich gehe jetzt ins Onsen mit dem lieben Tom.
Erster Schnee und der wunderschöne Blick aus meinem Fenster.