18.11.2018
Am Samstagmorgen musste ich um 08:45 beim Kyudō auf der Matte stehen, weil ich zugesagt hatte, an den alljährlichen Begrüßungsfeierlichkeiten der OB-San (Old Boys) teilzunehmen. Das sind ehemalige Studenten, die schon fest im Berufsleben stehen und einmal im Jahr ihren alten Club besuchen.
Ich hätte vielleicht anders entschieden, hätte ich gewusst, dass ich bis 21:30 Uhr bleiben muss. Weil ich noch nicht am Bogenschießen teilnehmen darf, bestand die Zeit für mich zu 95 % aus Rumstehen und zu 5 % aus Verbeugen. Jedes Mal, wenn ein OB kam, wurde die ganze Mannschaft zusammengetrommelt. Wie bei einem Appell wurde sich in Reih
und Glied aufgestellt, um den OB lautstark und ehrerbietig willkommen zu heißen.
Einer aus unserer Gruppe nannte den Namen des Gastes und seinen Jahrgang. Daraufhin verbeugt sich der Vorsprecher tief und brüllt aus voller Kehle:
„Arigatougozaimasu!/ありがとうございます“, was so viel heißt wie „Vielen Dank!“ in höflich. Es kann aber auch sein, dass was anderes auf „…masu“ endete. So genau verstand ich es nicht. In Gruppenbegrüßungen nuscheln Japaner immer wie blöd, nur das letzte Wort „masu“ versteht man stets bestens.
Der Rest der Gruppe tut es dem Vorredner gleich. Mir gefiel der Gedanke, dass eigentlich keiner wirklich weiß, was er da sagt,und jeder irgendetwas vor sich hin nuschelt bis alle gemeinsam auf „masu!“ enden, denn so in etwa hörte es sich oft an.
Es ist schon eindrucksvoll, wenn über ein Duzend Studenten in Hakama gekleidet, in Reih und Glied stehen, sich gleichzeitig verbeugen und laut brüllen. Dann erwidert der OB-San den Gruß auf dieselbe Weise.
Eine Zeremonie, die mir gefallen hat, weil sie auf Gegenseitigkeit beruht. Und ich habe dabei total die Yakuza-Vibes bekommen, was mir gefallen hat. Dieser Vorgang wurde circa 28 Mal wiederholt, bis die meisten OBs angekommen waren. Der sehr zeremonielle Teil des Wettkampfes hat wohl am meisten Zeit in Anspruch genommen.
Na ja, genau genommen ist das ganze Kyudō nichts anderes als eine einzige Zeremonie. Ich stand nur im Hintergrund rum und habe versucht, interessiert und fröhlich auszusehen. Interessiert war ich auch, allerdings ließ dieses Interesse nach
acht Stunden langsam nach. Ich habe versucht, mich hier und dort als nützlich zu erweisen. Ich musste dabei sehr bedürftig gewirkt haben. Eine nette Dame, die wie alle OBs früher auch Studentin war, hat mich zum Pfeile holen mitgenommen. Mein persönliches Highlight des Tages. Natürlich habe ich hier und da auch mal Konversation betrieben. Teils auch gar nicht ungekonnt, doch sind die
ersten Phrasen abgegrast, dauert es nicht lange, bis mein Gegenüber feststellen muss, dass ich nicht so viel verstehe, wie ich rede.
Manchmal bin ich mental total verkrampft und habe so etwas wie einen Knoten im Kopf. Vor allen meine Kyudō-Kameraden müssen mich ab und zu für einen halben Vollidioten halten und ich könnte es ihnen nicht verübeln. So, manchmal zweifle ich auch an meinem eigenen Verstand. Ich bin mir aber sicher, dass es mehr als nur eine Ausrede ist,
wenn ich sage:
„Ich habe eine Scheiß-Blockade in meinem Kopf!“. Manchmal löst sich dieser Knoten für wenige Sekunden und ich erwische mich dabei, wie ich alles verstehe und ich denke „Scheiße, ich kann Japanisch!“. So muss sich Neo gefühlt haben,
als er aus dem Training-Programm erwachte „I know Kung Fu.“ Leider habe ich diese Eingebung nur selten und fast nie im Unterricht.
Mein Hakama nach ungefähr einer Stunde Youtube-Tutorial endlich richtig gebunden.