24.11.2018
Ich möchte mich öfters hinsetzen und schreiben. Ich schulde es dem Leben – im Guten, wie im
Schlechten, denn von beidem erhalte ich derzeit reichlich.
Ich bin die Nacht von Freitag auf Samstag in Kōbe gewesen. Ich habe jedoch nicht in einem
Hotel übernachtet oder mir die Nacht in einer Karaokebar um die Ohren gehauen. Ich habe mich
getroffen, mit einem liebreizenden Mädchen namens Airi. Eigentlich ist sie kein Mädchen,
sondern eine Frau, die um einiges älter ist als ich.
Wo ich mir gerade so die Kanji ihres Namens anschaue, wird mir wieder aufs Neue klar, dass
Japaner wohl sehr viel Wert darauf legen ihren Namen gerecht zu werden. „Airi” würde ich grob
als “ Vernünftige liebe” übersetzen (“Logik” oder “Prinzip /der Liebe” ist wahrscheinlich
besser.”). [Hallo, hier meldet sich der Lukas aus der Zukunft. Was der Vergangenheits- Lukas
hier zum Besten gegeben hat, stimmt leider nicht. 愛梨 Airi ist eher wie folgt zu übersetzen:.
愛 Ai bedeutet sehr wohl Liebe, Zuneigung und noch mehr, doch 梨 ri ist eine Birne. Der
Zukunfts- Lukas möchte nur inhaltliche Fehler korrigieren, jedoch nicht die menschlichen. Diese
sollen unverändert abgetippt werden und unkommentiert bleiben. Auch wenn ich manches hier
nur zähneknirschend überlesen kann und es am liebsten weglassen würde.]
Spoiler - wir hatten keinen Sex. Wir waren aber verdammt nah dran. Ich hatte quasi die
dritte Base erreicht, also ich bei ihr. Ich habe kein Problem damit, meine eigenen sexuellen
Bedürfnisse hinten anzustellen, auch wenn mir meine Eier jede Sekunde um die Ohren fliegen
könnten. Ich sitze auf Dynamit.
Das kalte Wetter an diesem Abend war übrigens mein bester Wingman. Airi hat gefroren, als wir
zusammen im Hafen-Park spazieren waren. Ihre Hände waren kalt, meine Hände waren
warm. Ich bin zwar nicht gut in Mathe, aber selbst ich kann in diesem Fall eins und eins
zusammenzählen. Und hält man erst einmal Händchen, ist der Rest quasi Formalität, denn
Händchenhalten ist der stille Vorbote eines Kusses.
Später hatten wir auf der Terrasse im 37. Stock ihres Penthauses einen der wohl romantischsten
Küsse, dessen Zeugen nur wir und der Mond waren. Über den Dächern Kōbes blickten wir
hinweg, in Richtung des Vollmonds, dessen zartes Licht sich über das Meer erstreckte und wie
frischer Schnee die sanften Hügel des Wassers bedeckte. Eine kalte Brise wehte, als ich hinter
ihr an das Geländer herantrat und ihren zierlichen, kleinen Körper von hinten umarmte, um sie
zu wärmen. Als ich meine linke Wange an ihre rechte legte, drehte sie ihren Kopf leicht zu mir
und ich zu ihr. Wir tauschten mehrere, sanfte Küsse aus, die in ihrer Hingabe und Zärtlichkeit
den Mond in noch zarterem Licht erscheinen ließen.
Man hätte nur noch klassische Musik über die Szene legen müssen. Mit einer ausladenden
Kamerafahrt und weichen Überblenden in Zeitlupe hätte das Ganze dann eine prima
Parfumwerbung abgegeben.
Ihre verhältnismäßig sehr große Wohnung hatte eine fantastische Aussicht. Dort saßen wir dann
etwas später, Tee schlürfend und schauten fern. Ich verwöhnte sie mit einer Rückenmassage,
welche sie sehr genoss. Der „Ich öffnen deinen BH mit einer Hand“ Trick ist wirklich ein Skill,
den sich jeder junge Mann aneignen sollte. Im Wäschekeller findet man oft Objekte, an denen
man üben kann, habe ich gehört.
Nachdem wir uns sehr nah gekommen sind und nur noch die Klamotten zwischen uns waren,
nahm jeder von uns getrennt ein Bad. Sie fühlte sich noch nicht wohl genug, um mit mir zu
duschen. Sie ist sehr schüchtern und generell ist es eher ungewöhnlich für Japaner, mit dem
Partner zusammen zu duschen, wenn ich das richtig verstanden habe. Ach ja und es war das erste
Mal, dass wir uns überhaupt getroffen haben. Nach meiner Dusche zog ich meine Unterhose an,
legte mir ein Handtuch um die Lenden und stellte mich vor sie ins Wohnzimmer, mit der
Andeutung, das Handtuch fallen lassen zu wollen. Schockiert wendete sie sich ab als ich das
Handtuch fallen ließ. Sie musste schmunzeln als sie bemerkte, dass ich meine Boxer darunter
trug. Nach ein wenig Gekuschel gingen wir dann ins Bett. Im Vergleich zu mir schlief sie sehr
gut. Ich bekam kaum ein Auge zu. Warum ich kaum schlafen konnte, weiß ich nicht. Es mag
wahrscheinlich an der Aufregung gelegen haben oder am Vollmond. Ja, ja ich weiß, dass mit
dem Vollmond hat, wahrscheinlich nichts mit meinem Schlaf zu tun, aber weil ich dran glaube,
stimmt es für mich auch.
Als sie und ich so da lagen, wie Löffel in einer Schublade, wurde mir klar, dass wir alle doch nur
ein wenig Liebe wollen und das ist schön. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie einsam ich geworden
war, trotz neuer Freunde, die ich gemacht habe.
Während sie so vor sich hindöste, schaute ich sie lange an und dachte nach, über das Leben, das
Leiden und die Lieben. Ich studierte die schönen Formen ihres Körpers, die sich im schwachen
Licht des Mondes im Rhythmus ihres Atems auf und ab bewegten, wie sanfte Wogen auf dem
Meer, als sie plötzlich laut furzte. Ich musste mich räuspern, um nicht zu lachen. Doch entgegen
meiner eigenen Erwartung war ich entzückt, entzückt von der Unvollkommenheit, die doch jeden
von uns ausmacht und wodurch der Mensch so liebenswert wird. Für einen Augenblick war
ich sehr froh, das alles erleben zu dürfen, das Gute wie das Schlechte. Das war einer, der sehr
wenigen Augenblicke, in denen ich mich vielleicht sogar Philanthrop geschimpft hätte. Sonst bin
ich eher ein kleiner Molière.