Japan-Tagebuch 06.10.2018

06.10.2018
Diese Woche war vielleicht ein wilder Ritt. Weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Hat sich angefühlt, wie ein ganzer Monat. Der Privatunterricht, den ich genieße, ist wirklich Gold wert. Zwar lerne ich wieder fast alles von der Pike auf, ab A1, aber ich befürchte, es lohnt sich. Natürlich komme ich gut voran. Hab ja schon Rock Bottom erreicht und nach oben ist viel Luft. Trotzdem fühle ich mich miserabel, wenn mich Takai-Sensei mit ihrem freundlichen Lächeln begrüßt. Dann überkommt mich der Gedanke, diese Freundlichkeit nicht verdient zu haben. Meistens ist sie aber nicht da, wenn ich mich zu einer meiner nur für mich abgestellte Nachhilfelehrerinnen in den Klassenraum setze.

Ich gebe mir beste Mühe, keine größere Last zu sein als ich ohnehin schon bin, was vielleicht ganz gut ist, weil ich so noch verbissener versuche schnell zu lernen. Alle drei Lehrerinnen sind übrigens überaus nett. Alle drei sind Studentinnen, die größtenteils jünger sind als ich. Da wäre am Dienstag Tagawa-San und am Freitag Sasagawa-San und Kubo-San. Tagawa-San ist klein, Sasagawa-San mittelgroß und Kubo-San ist für eine Japanerin außerordentlich groß. Alle drei sind zudem sehr hübsch, wie ich finde. Zurzeit gebe ich mir Mühe, ihre Vornamen zu merken. Teilweise möchte ich glauben, dass alle diese lieben Mädchen stellenweise recht angetan von mir sind. Es ist aber auch gut möglich, dass mein Ego versucht, meinen Minderwertigkeitskomplex mit Narzissmus auszugleichen. Fest steht, in den ersten Tagen habe ich keine gute Figur gemacht. Ich war total verkrampft und meine Hand hat stellenweise so gezittert, dass es mir schwer fiel, ordentlicher zu schreiben.

Ich erinnere mich noch an die erste Nachhilfestunde in Takai-Senseis Büro. Sie saß hinter einem Flipchart am PC und hat mal lauter, mal leiser auf ihrer Tastatur herumgetippt. Tagawa-San und ich saßen einander gegenüber, an einem Tisch neben der Tür. Es war unheimlich beklemmend und hat mir die Tränen in die Augen getrieben, obwohl ja alles gut gemeint war. Ich glaube, gerade deshalb hat es mich so betrübt. Das hätte nicht sein dürfen. Unter anderem habe ich das Stipendium bekommen, weil davon ausgegangen wurde, dass ich besser sei als ich bin. Takai-Sensei selbst meinte, dass meine sprachlichen Fähigkeiten auf B1 Niveau sein dürften. Es ist die Grammatik, die zu wünschen übrig lässt. Ehrlich gesagt weiß ich manchmal auch einfach gut, so zu tun als ob ich alles verstanden hätte. Das habe ich übrigens von meinen lieben Tandempartnern in Deutschland gelernt. Wie auch immer, während des ersten Unterrichts hatte ich wirklich mit den Tränen zu kämpfen. Meine Stimme ist ganz still und tief geworden und ich hatte eines Kloß im Hals, der mir das Schlucken schwer machte.

Ich weiß nicht warum, aber seitdem ich hier bin, muss ich öfters über den Tod von Micha nachdenken, als ich es noch in Deutschland getan habe. Mir ist klar geworden, dass er nicht bloß mein Nachbar, sondern auch mein Freund war. Der Gedanke an ihn reicht aus, um mir in Sekunden Tränen in die Augen zu treiben. Ich befinde mich in einer äußerst unstabilen Lage. Dieses Jahr ist einfach nur ein verkacktes gewesen. Vor Japan war ich in drei Monaten auf drei Beerdigungen. Das sind drei zu viel. Zuerst stirbt Tina viel zu früh, die liebe Mutter von Dennis, einem meiner engsten Freunde. Es war furchtbar, Dennis, seinen Bruder und seinen Vater auf der Beerdigung so sehr im seelischen Schmerz zu sehen. Unvorstellbar, wie es für sie gewesen sein muss und immer noch ist. Ich habe reichlich Tränen vergossen und zum ersten Mal ist mir klar geworden, wozu der „Leichenschmaus“ da ist (ein grässliches Wort). So eine Beerdigung ist kräfteraubend, ohne Ende. Danach muss man essen, um zu Kräften zu kommen.

Ungefähr einen Monat später ist Carlo gestorben, der Mann meiner schwäbischen Großtante mütterlicherseits. Carlo war ein italienischer Kommunist der alten Schule. Ein herzensguter Mensch, weshalb ich nie verstanden habe, was er an der Seite meiner Großtante verloren hatte. Sie ist das Abziehbild einer spießigen, strengen und verbitterten Lehrerin, strunz konservativ und politisch fragwürdig eingestellt. Doch ich schätze, das muss ich nicht verstehen. Das geht nur meine Großtante und Carlo etwas an. Die beiden müssen sich sehr geliebt haben. Scheiße, habe schon wieder 'nen Kloß im Hals. Meine schwäbische Verwandtschaft sehe ich seit einigen Jahren nur noch auf Beerdigungen. Und jedes Mal wird mir wieder klar, dass ich nichts mit diesen Leuten zu tun haben möchte. Nur meine Verwandten am Bodensee sind mir lieb und teuer. Das sind aber zum Teil auch keine richtigen Schwaben.

Mir wird übel bei dem Gedanken, ein halber Schwabe zu sein. Gut möglich, dass hier auch ein Teil der Wurzeln für meinen Selbsthass vergraben liegen. Schwaben versprühen nämlich nichts außer Dünger. Sie sind weder elegant noch höflich. Das sind einfach nur grobschlächtige, engstirnige Bauern mit einem schrecklichen Akzent. Nur gutes Bier können sie brauen und handwerklich wissen sie anzupacken, aber da fängt alles Gute an und hört auch gleich wieder auf. Zugegeben, einige meiner besten Freunde schimpfen sich Schwaben. Auf diese Freunde darf ich kein schlechtes Wort kommen lasse. Man darf nicht alles und jeden über einen Kamm scheren. Doch was weiß ich schon. Letzten Endes bin ich schließlich selbst nur ein dummer, engstirniger Schwabe.

Kommen wir zur letzten Beerdigung. Der gute Micha ist gestorben, als ich mit Nina, meiner bessere Hälfte, und meinem Vater im Urlaub war. Das hat dem ohnehin miserablen Urlaub die Krone aufgesetzt. Wie bei Tina und Carlo habe ich auch auf dieser Beerdigung mächtig Tränen vergossen. Ich erinnere mich, auf Michas Beerdigung einen alten Mann am Rand gesehen zu haben, der nur finster drein blickte. Keine Ahnung, wer das war, vielleicht sein Vater, zu dem er keinen Kontakt mehr hatte oder ein verirrter Friedhofsgänger. Er zeigte keinerlei Emotionen. Ich hoffe, das Weinen auf Beerdigungen werde ich mir im Laufe der Zeit niemals abgewöhnen.

Jetzt, wo Micha nicht mehr ist, wünsche ich mir, ich hätte ihn besser gekannt. Sein Tod war nicht absehbar. Keine 50 ist er geworden, wenn ich mich recht entsinne. Die arme Seele, ich erinnere mich noch gut an unsere Gespräche. Kein Mensch von allzu großer Lebensfreude oder Fröhlichkeit. Er war ein Träumer, das hat uns verbunden. Mit seinem Hund liegt er begraben auf einem Friedhof nahe der Nidda. Das mit dem Hund war die Idee seiner liebevollen Schwester. Eine unglaublich liebe Person, mit der Micha viel Glück hatte. Glück, das ihm an anderer Stelle verwehrt geblieben ist.

Dank seiner Schwester habe ich indirekt sein Auto geerbt. Ein wunderschöner VW Caprio aus den 80ern. Noch nie hat mich Autofahren so glücklich und traurig zugleich gemacht. Mich quält ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht weiß, ob es ihm gefallen würde, mich hinter dem Lenkrad seines Babys zu sehen. Doch sicher wäre ihm das lieber, als den Wagen an jemand ganz fremden verkauft zu wissen. Micha hatte nicht viele Freunde. Diese Gedanken sind mir auch im Nachhilfeunterricht durch den Kopf geschossen. Das war ein Tanz auf dem Drahtseil, ich hätte jede Sekunde anfangen können, Rotz und Wasser zu heulen. Man stelle sich die verwunderten Gesichter der lieben Mädels vor, die nur die Absicht haben, mir zu helfen. Zum Glück habe ich die Contenance bewahren können. Dieser Unterricht fühlte sich an, wie die längsten 90 Minuten meines Lebens. Doch ich bin mir sicher, so schlimm wird es im Unterricht nicht mehr werden. Am Freitag war ich sogar recht gut gelaunt und habe mich souverän geschlagen.


Am Donnerstag habe ich mich mit Yana fantastisch gut unterhalten. Sie gehört zu der Russen-Clique am Campus. Wir haben uns auf 'ne Kippe in der Raucherzelle unten neben dem Sportplatz getroffen. Ganze zwei Stunden sind wir dann noch zusammen herumgelaufen und haben völlig unbefangen über fast alles gesprochen. Ich habe ihr sogar recht schnell meine Situation mit Nina anvertraut, was die erotische Spannung zwischen uns erstmals eingefroren hat. Damit habe ich kein Problem, sie ist auch'n super Kumpel-Typ. Ich hoffe, wir werden richtig gute Freunde.

Sie ist wirklich außergewöhnlich. Sie trinkt gerne, ist melancholisch, tätowiert, zockt viel, ist sehr hübsch, trägt aber immer nur zu große Jungs Klamotten, schminkt sich aber trotzdem gerne und versprüht eine gewisse Coolness, die ihren Ursprung in Verunsicherung zu haben scheint. Ich habe noch keine wie sie getroffen. Ihr Vater ist gestorben, als sie 14 war. Er war auch Alkoholiker, wie mein Vater. Zum Glück ist mein alter Herr aber noch am Leben. Über solche Dinge haben wir geredet. Weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal mit jemandem so gut unterhalten habe, ohne betrunken zu sein.

Ich merke gerade, ich habe den Faden verloren und zu viel geschrieben. Das ist ja ein riesen Durcheinander hier. Gibt halt so viel zu schreiben und so wenig Zeit. Ach ja, auf der letzten Dorm-Party bin ich übrigens noch einem Mädchen näher gekommen. Dazu vielleicht später mehr.