2018.09.15
10:00 Uhr
Gestern bin ich in Osaka angekommen. Endlich. Jetzt bin ich auf dem Minō Campus im Dorm for Forgein Students 1. Auf dem langen Weg vom Flughafen des Kansai International Airport bis zum Minō Campus der Osaka-Universität dachte ich noch: „Das Ganze wird zu einem Ritt auf dem Regenbogen.“, weil ich mit meinen vier Semestern Japanisch besser durch die Stadt gekommen war, als ich erwartet hatte. Dass man auf Regenbögen nicht reiten kann, wurde mir klar, als ich nach fast drei Stunden im öffentlichen Nahverkehr den Campus am äußersten Rand Osakas erreichte.
Es traf mich wie ein Schlag in die Magengrube, als mir mein „Zimmer“ im 2. Stock übergeben wurde. Zahllose Brandflecken auf dem Boden und an den Wänden. (Korrektur: Die vermeintlichen Brandflecken an der Wand entpuppten sich bei näherer Betrachtung als rostige Überbleibsel von Nägeln, die dort wohl zu lange gesteckt hatten, Korrosion durch hohe Luftfeuchtigkeit und so.) Alles klebte, vom Boden bis zur Tischplatte. Über den Boden verteilten sich noch weitere ominöse Flecken, deren Herkunft mir nicht geheuer war. Die Größe des Raumes ist völlig in Ordnung. Ich schätze ihn auf 12 bis 16 m². Eine Ausstattung ist vorhanden, Tisch, Stuhl, Schrank und Regal. Doch jeder Obdachlose hat erleseneren Sperrmüll unter einer Autobahnbrücke stehen. Vor dem Lüften roch es hier so, als ob der letzte Student seinem Leben ein Ende gesetzt hätte und vergessen worden wäre. Ich habe mich noch nicht getraut, unter dem Bett nachzuschauen. Mittlerweile verschwindet der unangenehme Geruch, doch die Schubladen riechen noch immer. Diese habe ich nun schon einen ganzen Tag lang gelüftet. Wie können Schubladen so entsetzlich riechen, wenn sie doch leer sind?
Das Erfreuliche an diesem Dorm und eigentlich auch das Wichtigste (für mich) sind aber die Bewohner. Die Veteranen sind schon seit sechs Monaten hier und zeigen uns, den Grünschnäbeln, wie der Hase läuft. Allerdings auf eine sehr nette und freundschaftliche Art und Weise. Gesprochen wird dabei natürlich Englisch. Mein kleiner Plan, ausschließlich Japanisch zu sprechen, entpuppte sich schnell als nobel, aber unrealistisch. Ich bin nun einmal noch nicht gut genug dafür und würde dadurch sehr einsam werden, fürchte ich. Ich will natürlich trotzdem mein Bestes geben, wenn der Sprachunterricht beginnt und bin voller Zuversicht. Eine andere Option habe ich nicht. Wer nur im zweiten Stock wohnt, sollte sich nicht aus dem Fenster stürzen.
Was auf jeden Fall noch erwähnt werden muss, im Erdgeschoss gibt es einen großen Aufenthaltsraum, in dem weggezogene oder verstorbene Studenten Gegenstände zurückgelassen haben, die sie nicht mehr brauchen oder nie gebraucht haben: Hygieneartikel, Elektrogräte, Essen, Kleider und dergleichen. Man stelle sich also das ohnehin schon heruntergekommene Dorm vor, mit einer riesigen Ansammlung von Sperrmüll und Unrat im Erdgeschoss. Die Obdachlosenheim-Illusion ist perfekt. Tatsächlich ist der Müllhaufen jedoch gar nicht so schlecht. Ich habe sogleich einen Kühlschrank im Gewirr gefunden, einen Föhn, Besteck, Teller und ein Kilo Reis. Gleich werde ich noch einmal darin stöbern. Der Messie in mir fühlt sich pudelwohl und findet gefährlichen Gefallen daran, auch Dinge mitzunehmen, die er nicht braucht. Ich habe inzwischen mehr als doppelt so viele Kleiderbügel wie Klamotten. Die Müllhalde erinnert mich zudem an meine Kindheit. Als Hosenmatz habe ich begeistert jeden Sperrmüll mit der Lupe durchsucht, der sich an Frankfurter Straßenrändern angesammelt hatte.
18:00 Uhr
Habe gerade versucht spontan, ohne Karte und nix, nach Dōtonbori zu kommen. Hat ewig gedauert, weil ich jede falsche Bahn genommen habe, die man nur nehmen kann. Selbst den Zufall habe ich dabei besiegt, denn eigentlich hätte ich mindestens ein Mal rein zufällig die richtige Bahn nehmen müssen, so oft bin ich ein- und ausgestiegen. Wenigstens bin ich dabei mindestens mit einem halben Dutzend Leute ins Gespräch gekommen, als ich nach dem Weg gefragt habe. Ein junges Mädel hat mich sogar zur nächsten Bahnstation gebracht und mit mir ein wenig auf Japanisch gequatscht. Sie wollte mehr mit mir reden, als mein Japanisch zugelassen hat, während sie mir schöne Augen machte. Ich habe verlegen irgendetwas von meinem Semester gefaselt, weil ich sie kaum verstanden hatte. Erst rückblickend ist mir klar geworden, dass sie sich mit mir treffen wollte. Na ja, halb so wild. Ich habe ja eine Freundin.
Meine Freundin und ich haben uns übrigens auf eine offene Beziehung verständigt für die Zeit, in der ich weg bin. Und solange man das nicht nutzt, ist es keine offene Beziehung. Eilig habe ich es damit ehrlich gesagt nicht. Zu dem Thema komme ich sicher nochmal zurück. Doch genug hier geschrieben. Diese Buchstaben sollten eigentlich Teil meiner Hausarbeit sein. An der möchte ich jetzt weiter schreiben, bevor die Frist aus dem letzten Semester abgelaufen ist.