2018.09.28
Heute hat es mich ziemlich erwischt. Lange nicht mehr so geweint.
Na ja,
stimmt eigentlich nicht. Zuletzt hatte ich vor vier Tagen ordentlich Pippi in den Augen. Nina und ich hatten ein sehr intensives Video-Gespräch.
Da sind ganz schön die Tränen geflossen. Generell, ich bin ziemlich am Ende. Zum Aufmuntern sage ich mir gerne, dass die Zeit hier die anstrengendste und schönste meines Lebens wird. Manchmal glaube ich jedoch, es wird nur die anstrengendste.
Wir haben die Ergebnisse für den Japanisch-Einstufungstest bekommen, danach ging ich ins Gym. Dort lernte ich Angelo aus Venezuela kennen. Er ist schon sechs Monate hier und wird fünf Jahre bleiben. Als ich ihm meine Bedenken in Bezug auf meinen Einstufungstest äußerte, wollte er mir Mut machen und meinte: “There are certantly other people worse than you.”. Wie er sich wundern wird … .
Ich wurde in die niedrigste Klasse eingeteilt. So weit, so gut, keine Überraschung. Zur ersten Stunde sitzen wir also alle in einem
großen Raum. Dort waren einigen Kommilitonen, die ich schon ins Herz geschlossen habe und mit denen ich mich gut verstehe. Die ganze Klasse ist auf B1 Niveau. Alle bekommen dann ihre Bücher ausgeteilt, außer Lukas,
und alle dürfen nach dem Austeilen der Bücher den Raum verlassen, außer Lukas.
Die gutmütige Lehrerin, Frau Takai, setzt sich zu mir an den Rand des Raumes, während alle anderen an mir vorbeiziehen und den Raum verlassen. Teils auf Japanisch, teils auf Englisch gibt mir Takai-Sensei, wie ich sie von nun an nennen möchte, zu verstehen, dass mein Niveau unter B1 liegt. Dabei war sie so vorsichtig und sanft, dass ich dachte jetzt erklärt sie mir, dass sich meine Eltern nicht mehr lieben und sich werden scheiden lassen. Das hätte mich zumindest weniger geschockt.
Das Ergebnis dieses kleinen Gespräches unter vier Augen: Ich soll am Dienstag nocheinmal für einen intensiveren Sprachtest in Ihr Büro kommen. Mir ist das Herz in die Hose gerutscht und ein Kloß in den Hals. Dass etwas nicht stimmt, hatte ich schon befürchtet. Als ich erfolglos auf mein Buch gewartet habe, während alle anderen eines bekommen haben, wurde es mir klar, doch habe ich
es gleichzeitig verdrängt. Was für eine Schande ich doch bin, für meine Uni, für meine Lehrer, für meinen Stipendiat und für mich selbst. Wie kann es sein, dass ich in einem einfachen Gespräch auf Japanisch nicht von meinen Fähigkeiten überzeugen konnte?
Rückblickend muss ich zugeben, die Guten im Sprachtest-Interview wussten, wie sie sich geben mussten, damit nicht auffällt, dass sie gerade wahrscheinlich genauso wenig verstehen, wie man selbst. Ich hätte Klingonisch sprechen können und sie hätten weiter freundlich genickt, “そうですか (soudesuka)“ gesagt und mich nett verabschiedet. Dass ich nicht gut bin, wusste ich. Dass ich so versage, habe ich selbst jedoch nicht erwartet.
Qu´vatlh, ich hätte mich besser vorbereiten sollen ("Qu´vatlh" das war übrigens Klingonisch). In mündlichen
Prüfungssituationen versagt mein Sprachzentrum oft auf bemerkenswerte Art und Weise. Doch gerade habe ich keine Zeit, zu lange darüber nachzudenken. Priorität hat jetzt erst mal meine Germanistik Hausarbeit, die Frist läuft in wenigen Tagen ab.
21:00
Ich gehe mal runter ins Erdgeschoss. Da is 'ne kleine Dorm-Party. Is mir zwar gar nicht nach, aber die liebenswürdige Alice aus Brasilien hat mich gefragt, ob ich auch komme. Sie spricht nur Japanisch mit allen. Sie macht‘s richtig! Alle machen unten Party und ich habe gerade noch in Embryo-Stellung unter der Dusche geheult. Fühle mich so richtig sexy, aus mehreren Gründen. Werde nicht viel trinken. Bloß nich! Sonst geht das Geheule gleich wieder los. Kurz zusammenreißen und hinuntergehen, ein wenig „sozialisieren“. Danach will ich noch´n bissi Messerschleifen. Es macht mir Spaß, beruhigt mich und lenkt ab. Messerschleifen ist zu meinem Hobby geworden. Hat nur etwas "Serienkillermäßiges",
wenn man um null Uhr nachts anfängt, Messer zu schleifen. Danach ab in die Heia. Morgen wird dann erst einmal motiviert Japanisch gelernt.