Japan-Tagebuch 30.09.2018

30.09.2018
Mit mir ist irgendetwas verdammt nochmal überhaupt nicht in Ordnung. Ich habe circa eine Liter Kaffee getrunken und einen doppelten Grünen Tee und bin immer noch müde. Ich habe um die acht Stunden geschlafen, aber irgendwie ist heute „[…] der Wurm drin […]“ wie Joshua, mein lieber Zimmernachbar, schon gesagt hat, als ich ihn zufällig im Konbini um die Ecke getroffen habe.

Um ehrlich zu sein, gerade habe ich mich in die dunkelste Ecke meines Zimmers gekauert und geheult. Ich dachte mir, diesmal probiere ich es dort aus. So klischeehaft es auch sein mag, sich in eine Ecke zu kauern, um zu heulen, so gut fühlte es sich auch an. Sollte man mal ausprobiert haben. Glaube, ich saß da nur 15 Minuten oder so. Bin einmal aufgestanden, um das Licht auszumachen. Es ist zwar erst 16 Uhr, aber durch den Taifun, der sich allerdings nur als stärkerer Regen entpuppt hat, sieht man kaum noch Sonnenlicht. Das Wetter passt zu meiner Stimmung. Weinen und Regen gehören seitdem ich hier bin langsam zu meinem Alltag. Hoffe, das wird besser. Mit dem Oktober müsste auch die Regenzeit enden.

Vorgestern (Freitag) war die Dorm-Party. Habe natürlich wieder mehr getrunken, als ich mir vorgenommen hatte. „Ich glaube aber nicht, dass ich Alkoholiker bin“, sage ich mir dann immer und frage mich direkt danach, ob dieser Gedanke an sich nicht ein Grund ist, mit dem Trinken aufzuhören.

War übrigens ganz nett, die Party. Die Leute hier sind der Geist und die Seele dieses Dorms. Ohne sie würde es wahrscheinlich einfach in sich zusammenfallen. Und es gibt viele schöne Mädchen, ganz besonders die Russinnen. Doch nach Mädchen ist mir gerade wirklich nicht.


Takai-Sensei hat mir angeboten, morgen ganz normal meinen intendierten Sprachkurs für B1 zu besuchen. Die Bücher würde ich dann bekommen. Ich verstehe immer noch nicht, warum ich die nicht wie alle anderen gleich zur Einführung bekommen habe. Klar, ich meine, die gehen davon aus, dass ich kaum Japanisch verstehe, aber hätte mich ein Japanisch-Buch denn schlechter gemacht, als ich ohnehin schon bin? Langsam weiß ich auch nicht mehr, was ich glauben soll. Manchmal habe ich wirklich Augenblicke, in denen ich Japanisch so verstehe, wie es sein sollte. Das sind dann leider aber nur kurze Augenblicke, wie das Luftholen beim Tauchen. Ich schäme mich furchtbar. Ich bin nicht nur eine Enttäuschung für mich selbst, sondern schäme mich auch für meine Lehrer, meine Uni und das ganze Studienprogramm. Takai-Sensei weiß mich auch nicht richtig einzuschätzen. Sie hat wohl gesagt bekommen, dass mein Japanisch unter aller Sau sei. Sie hat auch gleich mit mir Englisch gesprochen, als wir unter uns waren. Ich habe auf Japanisch geantwortet und bin in ihrer Gegenwart sogar etwas aufgetaut, so dass mein Japanisch dann gar nicht so miserabel war. In ihrer Mail hat sie mir sogar gesagt, dass sie verwundert war, dass ich gar nicht so schlecht zu sein scheine. Am Dienstag soll ich bei ihr im Büro noch einmal einen Test machen. Ich hasse Tests.

Langsam befürchte ich, dass mein innerer Zustand sich auf meinen äußeren projiziert. Ich bin gerade aufgestanden und noch halb verkatert. Sehe aus wie ein Stück Scheiße. Vorhin habe ich mir'n Kaffee heiß gemacht und mal wieder ein bissi geheult. Mit meinen von roten Äderchen durchzogenen Augen sehe ich aus wie ein trauriger Albino-Vampier. Als ich kurz durch den Flur zur Toilette gegangen bin, sprach mich Josef an. Zur Information: Josef ist einer der besten Nachbarn, die man haben kann. Er fragte mich, wie es mir geht. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob seine Frage eine Phrase war oder auf ernst gemeinter Sorge um mich beruhte, nachdem ich ihn mit meinen roten Augen angestarrt hatte. Auch gut möglich, dass er nur gefragt hat, weil wir es gestern mit dem Saufen ein wenig übertrieben hatten. Ich sah jedenfalls definitiv nicht so aus, als ob es mir gut ging. Als er mich ansprach, hatte ich mein unfehlbares Fake-Lächeln aufgesetzt, das man sich angewöhnt, wenn man traurig ist und es niemanden wissen lassen möchte. Ich antwortete ihm mit einer Phrase: „Ja ja, alles gut, nur ein wenig verkatert …“ und so weiter. Josef ist ein Lieber. Neben Angelo war er einer der ersten, der mich an die Hand nahm und mir im Dorm alles zeigte.

Na ja, wie auch immer, wird schon werden. Eigentlich geht’s mir ja gut. Hier geht es ja nicht um Leben und Tod. Nur mit dem Trinken muss ich aufpassen. Habe ich zu viel getrunken und es geht mir schlecht, suchen mich dunkle Gedanken heim. Ich habe mich dabei erwischt, wie ich über Selbstmord nachgedacht habe. Jetzt, wo ich das selbst lese, klingt es dramatischer, als ich es in Erinnerung habe. Es ist nicht so, dass ich meinen Tod konkret plane. Es ist lediglich ein Darüber-Nachdenken. Und ich erinnere mich, es war schon mal schlimmer. Damals in der Schule, als ich in der elften Klasse sitzengeblieben bin und von Existenzangst zerfressen war. Diesmal war es aber wirklich nur Nachdenken, nicht mehr, nicht weniger. Keine gute Angewohnheit.

Bevor ich nach Japan bin, war ich in den letzten drei Monaten auf jeweils drei Beerdigungen. Das hat auch nicht gerade geholfen. Es ist sicher auch die immer häufigere Konfrontation mit dem Tod, die mich mit zunehmendem Alter mehr und mehr nachdenklich stimmt, was unsere eigene Vanitas angeht.

Schade, ich dachte, dieses Jahr wird ein gutes. „Vielleicht wird es sogar das beste“, dachte ich tatsächlich oft. Mittlerweile bin ich nur froh, wenn es vorbei ist und ich bin noch nicht einmal drei Monate hier. Doch das ist ja das Gute an der Zeit. Die Zeit vergeht, so oder so. Darüber braucht man sich keine Gedanken zu machen. Das passiert von ganz allein.

Das Jahr des goldenen Hundes, wie es im chinesischen Kalender heißt. Als Hund hätte das wirklich mein Jahr sein sollen. Na ja, man soll ja bekanntlich nicht die Cholera vor der Pest loben. Ich habe noch einige Monate vor mir. Vielleicht geht dann alles besser.

„Rate mal wo ich jetzt bin.“ Das ist die letzte Nachricht, die ich an Karin, meine Sandkastenliebe, geschrieben habe. Diese Nachricht ist jetzt schon seit Wochen unbeantwortet geblieben. Sie und ich, wir nennen uns eigentlich immer noch Freunde, doch wie weit sind die Grenzen einer solchen Freundschaft dehnbar? Ab wann ist man nur noch jemand, den man mal kannte? Mittlerweile weiß ich, wann ich willkommen bin und wann nicht. Seit Tagen habe ich das Bedürfnis, sie aus meiner Facebook Freundesliste zu löschen, doch was wäre das für ein erbärmliches Statement? Wahrscheinlich wäre ich eh wieder der Erste, der den Kontakt zu ihr sucht. Hätte ich mich die letzten Jahre nicht darum gekümmert den Kontakt zu ihr zu halten, dann hätten wir schon längst nichts mehr miteinander gemein außer ein paar halb verblassten Kindheitserinnerungen.

Das war’s jetzt aber. Ich habe genug Zeit und Energie in diese inzwischen, flüchtige Bekanntschaft gesteckt und bin es leid. Sollte sie irgendwann mal schreiben, sage ich ihr, dass wir keinen Kontakt haben müssen. Bleiben wir aber realistisch, sie wird sich nicht melden. Schade, wenn solche Freundschaft so im Sand verlaufen. Andererseits kann ich es ihr auch nicht komplett verübeln. Sie musste mich in einer Zeit meines Lebens ertragen, in der ich wirklich sehr anstrengend war. Ich spreche gerne vom „Sturm und Drang“ meiner Jugend. Damals ist mein Herz in tausend Teile zersprungen. Bis heute habe ich nicht jedes Stück wiedergefunden. Das tut mir besonders leid für meine liebe, liebe Nina. In der Form, in der ich mich derzeit befinde, kann ich ihr nicht geben, was sie verdient.

Zweifelsohne wäre ich zu Zeiten der Romantik einer von den jungen Idioten gewesen, die sich nach Goethes „Werter“ die Kugel gegeben haben. Wer weiß, vielleicht war ich ja ein solcher.